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Tim Renner

Von vielen Stilen zuviele: Das Ende der feinen Unterschiede

Tim Renner | 7 Kommentar(e)


Früher schaute man heimlich, was jemand für Platten hörte. Heute bietet der durchschnittliche iPod eine unendlich breite und beliebige Musiksammlung, an der wir kaum noch etwas erkennen können. Kultur lebt aber auch von Differenz und Entscheidung.

11.01.2010 | 

Das Problem unserer Zeit ist nicht das Angebot, sondern die Entscheidung was relevant ist. Schließlich ist jede Kombination, jede Verknüpfung möglich, sind fast alle Informationen zugänglich. Wie im Süßwarenladen alleingelassene Kinder oder amerikanische Touristen am „All-You-Can-Eat“-Buffet stolpern manche durch das Internet und laden sich auf, was immer auch auf die Festplatte passen mag. Es sind Informationsmengen die sie niemals alle sehen, hören oder lesen werden können. Schlauer werden sie durch den Daten- und Stilmix nicht: „Darkwave in der weißen Weste, Liedermacher gegen Gäste, Kirchenlied auf schwarzer Messe, Whitemetal rückwärts: Latemetihw“ reimt Alpen-Rapper Rainer von Vielen auf seiner gerade veröffentlichten Single.

Der Fluch der endlosen Möglichkeiten endet bei ihm mit der verzweifelten Feststellung „Von vielen Stilen zu viele!“

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Die kulturelle Verwirrung ist groß: Wer theoretisch alles haben kann, hat keine Ausrede mehr, sich mit etwas Wichtigem nicht beschäftigt zu haben. Deshalb muss viel probieren, wer nicht wie ein Ignorant dastehen will.  In der Folge entstehen auf der Suche nach der eigenen Identität und Individualität in der Popkultur oft absurde Musiksammlungen die beispielsweise Norah Jones (Jazz) mit Eminem (Hip Hop), Shania Twain (County), Rammstein (Deutschmetall) und Robbie Williams (resozialisierter Teeniepop) vereinen. Gerne sind auch U2 (Alternative)  und Mario Barth (Comedy) mit von der Partie. Früher wäre eine solche Mischung ein Grund gewesen, massiv am Geisteszustand des jeweiligen Besitzers zu zweifeln. Heute sollen sie dessen musikalische Offenheit abbilden. Sie lassen sich in dieser Bandbreite auf jedem zweiten iPod finden. Doch solche bunten Genremischungen zeigen nur, dass die Spitzen der einzelnen Szenen längst den neuen Mainstream darstellen und Individualität zum Neo-Konformismus geworden ist.

Die vermeintliche Offenheit des Einzelnen führt zu einer allgemeinen Beliebigkeit. Denn wenn alles irgendwie immer da ist und akzeptiert wird, fehlen die Positionen an denen man sich reiben könnte. Widerstand geht ohne Gegner nicht. Der Kultur wird ein Teil ihrer Energie genommen, wenn derjenige, der ihr Angebot goutiert, keine Entscheidungen mehr durch seine eigene Ab- und Ausgrenzung trifft. Man könnte glatt von einem späten, gesamtgesellschaftlichen Horst-Eberhard-Richter-Effekt sprechen. Richter, das ist der Psychoanalytiker auf dessen Grundlage die 68er einigen von uns das Leben in den Kinderläden zu Hölle gemacht haben. Seine Position war, dass Eltern keine Position zu haben hätten, da sie es in Wirklichkeit auch nichts besser wüssten als ihre Kinder.

In dem Verständnis der Generation Jute hieß das: keine Verbote und auch keine Warnung vor der heißen Herdplatte. Den Kindern fehlte die Haltung des „Heinz“ oder der „Uschi“, die sie nicht mehr Papa und Mama nennen sollten, um sich an dieser abzuarbeiten. Sie lernten deshalb nicht Gegenpositionen zu entwickeln und zu vertreten. So viele Stile, doch so wenig „von Wegen“, heißt es bei Rainer von Vielen heute.

Als ich jung war, gab es noch kulturelle Warnsignale in den Plattensammlungen. Beim ersten Date bei ihr zu Hause wurde schnell geguckt, was da neben der Kompaktanlage stand, sobald sie auf der Toilette war oder den Tee holte. Viel war das in den meisten Fällen nicht. Entscheidend war jedoch nie die Menge, sondern der Inhalt. Traf man beim schnellen Blättern auf Platten von Toto, Tina Turner oder das notorische „Tea for the Tillerman“ von Cat Stevens war klar: Aus dieser jungen Liebe konnte wohl auf Dauer nichts werden. Zu verschieden die Einstellung und die Haltung für einen von seiner Musik besessenen wie mich. Die Qualität einer guten Musiksammlung definiert sich nämlich durch das, was gerade nicht dabei ist. Ein manischer Internetsauger dokumentiert mit seinem Tun nur ein generelles Interesse an Musik, aber keinen Geschmack. Er hat nicht einmal eine echte Wertschätzung für sie, denn sonst würde er nicht laden, was er nicht hört. Terabytes von Songs hätten mich wahrscheinlich auch vom Jugendzimmersofa der Angebeteten fliehen lassen, wenn es das damals schon gegeben hätte. Es ist wie immer in der Kunst: eine gute Gemäldesammlung beeindruckt ja auch nicht durch die Anzahl sondern die Qualität der Werke.

Der Connaisseur schärft seinen Geschmack indem er Entscheidungen trifft. Einen Stream als Basis der Musikversorgung ist für ihn wie Fertiggerichte für den Gourmet: Praktisch, aber den eigentlichen Gegenstand entwürdigend. Gestreamte Musik lässt nämlich nicht zu, dass er seine Pretiosen (den speziellen Mix, die besondere Version) sichert, sie gibt ihm nicht die Möglichkeit, eine Sammlung aufzubauen und diese ständig (auch durch Reduzierung) zu optimieren. Unendlichkeit ist kein Versprechen, für den, der liebt und deshalb sammelt. Der Stream ist das Mittel, aber er erfüllt nicht den Zweck allein. Spotify & Co. sind deshalb nichts anderes als die moderne Form von Radio. Auswählen und Aufheben müssen wir mit einer Haltung zu den Dingen schon selber. „Es gibt kein zurück“ freut sich Rainer von Vielen in dem Song.

Dieser Beitrag erscheint als Crossposting von Tim Renners Blog auf Motor.de.

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7 Kommentare

  1. Daniel |  11.01.2010 | 12:55 | permalink  

    Das Interessante ist doch weniger, was sich an Musik in der MP3-Sammlung finden lässt als vielmehr was davon auch abgespielt und gehört wird. Das ist natürlich für einen Außenstehenden schwer festzustellen, ganz im Gegenteil zu dem Beispiel mit der Plattensammlung. Da kann man davon ausgehen, dass jede gekaufte Platte zumindest irgendwann mal oft gehört wurde. Trotzdem bedeutet eine breite MP3 Sammlung alleine noch keine Beliebigkeit. Diese würde ich erst “diagnostizieren” wenn dann eine solche Sammlung praktisch nur noch per “shuffle”, also zufällig, abgespielt wird.

    Dass “die Spitzen der einzelnen Szenen längst den neuen Mainstream darstellen” ist doch irgendwie tautologisch, oder? “Spitze” meint hier doch die kommerziell erfolgreichsten Vertreter und natürlich sind da nur mehr oder weniger Mainstream-tauglichen Vertreter zu finden. Und wenn eine MP3 Sammlung prominente Vertreter verschiedener Genres enthält, würde ich eine noch nicht Beliebigkeit im Geschmack des Besitzers unterstellen. Interessanter ist doch, was die Sammlung jenseits des Mainstreams enthält. Erst wenn die Sammlung in keinem Genre Künstler/Bands/Projekte enthält, die etwas Mainstreamdistanz aufweisen, d.h. man vermuten kann, dass Bekanntheit das einzige Auswahlkriterium ist, dann könnte man von “Beliebigkeit” sprechen.

  2. Alex |  11.01.2010 | 14:32 | permalink  

    Ich verstehe nicht, wie man es schlecht finden kann, wenn Leute ihren Musikgeschmack breit streuen und dank mp3-Zeitalter auf alles einfacher Zugriff haben. Sektiererisch-elitäres Gehabe, auch wenn man es “Entscheidung des Connaisseurs” nennt, hat die Menschheit ja wohl kulturell noch nie weiter gebracht.

    Aber unter Kulturpessimisten war es ja immer schon beliebt, nur ja nicht über den eigenen Tellerrand zu gucken und stattdessen lieber im eigenen Saft zu schmoren.

    Absätze, die mit “als ich jung war, gab es noch kulturelle Warnsignale” anfangen sollten lieber ihrerseits als kulturelle Warnsignale gelten – für nostalgieverbrämte Nichtaussagen.

    Ich empfehle diesen TV-Beitrag:
    http://www.thedailyshow.com/watch/tue-january-5-2010/even-better-than-the-real-thing

  3. Bewusst leben |  11.01.2010 | 17:40 | permalink  

    Es ist schon so , dass man heutzutage jegliche Musik besitzen kann, da Speicherplatz inflationär da ist.
    Jedes Netbook hat 160 GB Festplatte, jedes normale 500€ Notebook so um die 320 GB und externe Festplatten , MP3 Spieler und Handys/Smartphones mit Mp3 Funktion sind Standard und Ramschware. Ausserdem gibt es überall Internetradios und Youtube Videos.
    Da geht natürlich der ursprüngliche Reiz einer Plattensammlung wie es sie vor 15 Jahren noch gab verloren, und der bewusste Kauf- und Hörprozess einer Platte bzw. CD geht verloren. Allerdings gibt es mittlerweile fantastische Plattformen wie last.fm, bei denen ich meinen Geschmack vergleichen kann, und ausserdem eine noch nie dagewesene Musikvielfalt. Schlechte Musik wird viel schneller aus dem Markt herausgespült, und viele Newcomer haben es durch virale Empfehlungsmechanismen viel leichter. Alle Dinge , die es im Überfluss gibt , werden natürlich beliebig und das gilt auch für Musik. Trotzdem ist es für Musikliebhaber nie leichter gewesen, seine Lieblingsmusik zu transportieren und zu hören.

  4. pyrrhussieg |  11.01.2010 | 19:39 | permalink  

    Ein alter Schuh, dieser Beitrag. Denn schließlich gibt es schon seit zwei Jahrzehnten oder länger Compilations. Als die ersten Bravo Hits veröffentlicht wurden, wäre dieser Beitrag sicher ein fresher Einstieg in die apokalyptische Kulturkritik gewesen. Aber wozu jetzt diese Erkenntnisse? Um eigentlich nur Rainer von Vielen zu promoten?

  5. xconroy |  11.01.2010 | 21:19 | permalink  

    Ich weiß jetzt nicht genau, wofür oder wogegen dieser Beitrag nun eigentlich argumentieren soll.

    Gegen vielfältigen Musikgeschmack? So in Richtung VZ-Gruppe “Eigentlich alles ist kein Geschmack”? Das ist doch Käse. Dann war ich schon als Teenager geschmacklos. Wenn ich mir meine alten Mixtapes aus den 90ern mal anhöre, finde ich da Public Enemy neben Pearl Jam, 2Unlimited neben UB40, Fettes Brot neben G ´n R, The Prodigy neben den Ärzten. Alles bunt durcheinander, wie es eben im Radio kam. Ich war nie in erster Linie Fan einer bestimmten Musikrichtung oder auch nur bestimmter Künstler, sondern v.a. bestimmter Songs. Ob das jetzt “Unkultur” ist weiß ich nicht, ich empfinde das nicht so. Und wenn ich mir heute anhöre, was Künstler wie N.A.S.A oder Major Lazer (oder hierzulande die Orsons) aus der Allgegenwart aller möglichen Stile machen (nämlich etwas tatsächlich Neues, Geniales, jedenfalls in meinen Ohren), dann sehe ich auch keine “Verflachung” oder whatsoever. Im Gegenteil, es entstehen immer neue Verknüpfungen und großartige Musik.

    Oder soll es gegen Persönlichkeitsabschätzung via Musikgeschmack gehen? Da wartet man heutzutage halt nicht, bis der/die Angebetete aufm Klo ist, sondern meistens hört man eh gemeinsam, jeder einen Stöpsel im Ohr (oder auch zwei, geht ja inzwischen auch), und da kriegt man schon mit, was der andere mag (außerdem steht das heute eh in jedem zweiten Profil beim SocialNetwork deiner Wahl). Und schlußendlich sollten da auch noch andere Kriterien ausschlaggebend sein als der Musikgeschmack…

    Oder soll wider die Massenkultur gewettert werden, mit Seitenhieb auf die “Generation Kostenlos” und fiese Filesharer? Das hatten wir alles schon, muß nicht nochmal wiedergekäut werden.

    Irgendein Fazit, Herr Renner? Nee, oder? `tschuldigung, aber sowas ist einfach Murks. “Irgendwie ist das blöd mit der vielen Musik, weil man kann sich keiner vorgegebenen Kultur mehr zuordnen (ja dann macht man sich eben ne eigene mit seinen Kumpels, oder man verzichtet drauf, sich brav einzuordnen!), und man weiß nicht mehr ob man mit seiner Freundin lange zusammenbleiben wird (als ob man das von Musikgeschmack abhängig macht, also bitte) und dann ist man auch so überfordert, wie damals im Kinderladen (toll, 68erBashing auch noch obendruff… nur ja keine Base auslassen, ja? Außerdem wurde die “Datenüberflutung” schon anhand von Schirrmacher/Payback zur Erschöpfung ausdiskutiert, hier wurde dem Thema keinerlei neuer Erkenntnisgewinn zugefügt, also warum dann der Aufwand?) und dann wertschätzen die die Musik auch nicht, weil sie sie nicht bezahlen (und zum Thema “Bezahlen für Musik” werde ich mich jetzt nicht weiter äußern, da sind bereits Datenberge zu geschrieben worden, die die meisten Musikjournalisten offenbar ebenso überfordern wie die viele Musik, sonst würden sie sich ja mal damit auseinandersetzen) und überhaupt!” Jop, das ist wohl das Fazit: “Und überhaupt”. Mehr Inhalt seh ich in diesem Beitrag nicht, tut mir Leid.

  6. Pit Schultz |  13.01.2010 | 04:20 | permalink  

    wer einmal eine beliebige woche durch die berliner club kultur tingelt sieht viele der derzeit kursierenden kulturpessimistischen behauptungen schlicht nicht bestaetigt: in einem relativ engen gebiet der elektronischen tanzmusik das von branchenfremden gerne “elektro” genannt wird. hat sich eine weltweit anerkannte und auch wirtschaftlich tragfaehige musikkultur entwickelt, die hochgradig ausdifferenziert ist und konstant genug liebhaber und kunden findet sodass sich davon eine vielzahl der beteiligten unternehmungen tragen kann, der bis in den etablierten kulturbetrieb reicht. einzelne partyserien, clubs, labels, djs, stile, blogs, netzradios und onlineplattformen bieten mehr als genug speziell zugeschnittene auswahl, die alles andere als beliebig ist, und ganz gut das abbildet was derzeit an elektronischer musik international relevant und gefragt ist.

    das kann man fuer den bereich deutsche rockmusik, deutschen hiphop und importierten alternative rock leider nicht so recht behaupten, hier existiert kein wirklich lebendiges oekosystem (ausserhalb bestimmter oasen wie hamburg und grosser festivals im sommer). ohne label promotion und leitartikel in fachmagazinen und im radio und tv laeuft nichts. diese art von massenmedial angetriebenem mini-mainstream produktionen im stil der spaeten 80er und fruehen 90er jahre hat es eben recht schwer, denn im internet wird mehr und mehr entschieden was heute popkultur ist – auch wenn die auswahl manchmal verwirrdend sein mag.

    spotify, last.fm haben immer wieder probleme den neuerscheinungen nachzukommen, itunes und pandora ohnehin. am ehesten findet man noch auf myspace und youtube ein paar aktuelle demotracks, doch nur ueber speziallaeden wie boomkat, zeroinch, hardwax oder beatport laesst sich der gehobene eigenbedarf decken, auch die rolle von branchenorientierten radios wie rinsefm oder subfm in uk ist nicht zu unterschaetzen. dieser grad an feiner ausdifferenzierung bei ueber jahre gleichbleibenden grundsound wird von rockmusik seit langem leider nicht erreicht. viele orientieren sich darum an klassischem backkatalog material, sprich oldies.
    das heisst die musik ist weiterhin immer nur so gut/bloed wie seine kunden/user bzw. die medien und labels die sie vertreten.

  7. Mauerblümch.en |  14.01.2010 | 16:48 | permalink  

    Ist doch nett zu lesen, der Artikel.
    Hat hier wer schlecht geschlafen ?

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