Oliver Geden | 3 Kommentar(e)
Warnungen vor der „Sicherheitsbedrohung Klimawandel“ zählen inzwischen zum Standardrepertoire der Klimadebatte. Zwar kann eine Veränderung regionaler Klimabedingungen als Konfliktverstärker wirken, die Angst vor einem Ansturm von „Klimaflüchtlingen“ oder gar vor „Klimakriegen“ ist jedoch maßlos übertrieben.
16.12.2009 |
Wie bei jedem der jährlich stattfindenden Klimagipfel, so gewinnen die Prognosen auch im Umfeld der Kopenhagen-Konferenz vorhersehbar an Schärfe und Dramatik. Für viele NGOs zählt es ohnehin zum Kerngeschäft, im Wochentakt düstere Vorhersagen zu präsentieren. Ende November wiesen auch 26 renommierte Klimaforscher darauf hin, dass sich der Klimawandel deutlich schneller vollziehe, als bislang vom Weltklimarat IPCC vorhergesagt. In die Phalanx der Warner und Mahner reihten sich in der vergangenen Woche auch die 27 EU-Außenminister ein, als sie zum wiederholten Male die möglichen Folgen des Klimawandels für die internationale Sicherheit hervorhoben. Doch während sich die Vorhersagen der naturwissenschaftlichen Klimaforschung immerhin auf computergestützte Modellrechnungen stützen können, verharren die immer zahlreicher werdenden Warnungen vor der „Sicherheitsbedrohung Klimawandel“ in der Sphäre des Spekulativen.
Bereits zum dritten Mal in weniger als zwei Jahren präsentierte die EU einen Bericht, der zwar eindringlich vor den möglichen Folgen des Klimawandels für die internationale Sicherheit warnt, zu sinnvollen Instrumenten aber nichts wirklich Neues zu sagen weiß – ein Musterbeispiel für deklaratorische Politik. Zwar weist die EU völlig zurecht darauf hin, dass eine Veränderung regionaler Klimabedingungen als Konfliktverstärker wirken könnte – aber das ließe sich mit guten Argumenten auch von jeder beliebigen Wirtschaftskrise behaupten. Was also macht das Thema „Klimasicherheit“ für die EU so attraktiv? Die Antwort hängt weniger mit dem meteorologischen als vielmehr mit dem politischen Klima zusammen: es nützt der Imageaufwertung der EU.
87 Prozent der europäischen Bürger halten den Klimawandel für ein ernstes Zukunftsproblem. In der internationalen Klimapolitik schreiben sie Brüssel nicht ohne Grund die Führungsrolle zu. Der Klimaschutz ist also einer der wenigen Bereiche, in denen der Mehrwert der EU von der Bevölkerung sehr hoch eingeschätzt wird. Gleichzeitig ist es eines der wenigen Politikfelder, in dem die EU auch von den internationalen Führungsmächten wirklich ernst genommen wird. Dementsprechend hat die EU ein genuines Interesse daran, hier auch zukünftig als fortschrittlicher Akteur gesehen zu werden. Die internationale Führungsrolle wird ihr vorläufig kaum zu nehmen sein. Selbst wenn sich China, Indien und die USA in den kommenden Jahren auf verpflichtende Reduktionsziele einlassen sollten, so werden diese sicherlich weniger ambitioniert ausfallen als die der EU. Weit größer ist die Gefahr eines erneuten Bedeutungsverlusts der Klimapolitik. Denn aus Sicht eines politischen Akteurs gilt grundsätzlich: Je drängender ein Problem wahrgenommen wird, bei dem man selbst als Teil der Lösung gilt, desto besser.
Genau hierin liegt die Motivation für eine „Versicherheitlichung“ des Klimawandels, einer Tendenz, die sich nicht nur in der EU-Politik, sondern auch bei Nichtregierungsorganisationen und vielen Wissenschaftlern beobachten lässt. Die Überlegung dahinter: Wenn sich die Sichtweise durchsetzt, dass globale Klimaveränderungen neuartige Sicherheitsprobleme hervorrufen, dann liefert dies nicht nur zusätzliche Argumente für den bereits eingeschlagen Pfad einer ehrgeizigen Klimapolitik. Klimaschutz wird dadurch auch zu einem „harten“ Politikfeld aufgewertet, das sich selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten nicht mehr einfach von der Agenda verdrängen lässt.
Seit es der britischen Regierung im April 2007 erstmals gelungen ist, die möglichen Folgen globaler Klimaveränderungen auf die Tagesordnung des UN-Sicherheitsrats zu hieven, hat die Debatte um „Klimawandel als Sicherheitsproblem“ deutlich an Fahrt gewonnen. Der UN-Generalsekretär geht inzwischen soweit, den Darfur-Konflikt auf den Klimawandel zurückzuführen. Und kaum ein europäisches Redemanuskript kommt heute noch ohne den Verweis auf klimainduzierte Flüchtlingswellen aus, sorgsam changierend zwischen moralischer Betroffenheit („die Ärmsten werden am stärksten betroffen sein“) und der Gewissheit, dass Migrationsbewegungen nach Europa von der hiesigen Bevölkerung immer auch als Sicherheitsproblem „für uns“ wahrgenommen werden. Bezeichnenderweise trägt eines der hierzulande erfolgreichsten Klima-Bücher den Titel „Klimakriege – wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“. In den USA wird der Klimawandel bereits als Bedrohung der nationalen Sicherheit diskutiert, möglicherweise der einzige realistische Weg, um hartgesottene Republikaner für das Thema zu erwärmen – aber um den Preis welcher Maßnahmen?
Naturgemäß lassen sich Zukunftsprognosen im Hier und Jetzt nicht wirksam widerlegen. Doch ein Blick auf ähnlich gelagerte Debatten gibt Anlass zur Skepsis. Die schon seit Jahrzehnten prognostizierten „Wasserkriege“ lassen sich empirisch kaum nachweisen. Wasserknappheit birgt zwar unbestritten große Konfliktpotenziale, ein Eskalationsautomatismus existiert jedoch nicht. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass konkurrierende Staaten in der Regel ein kooperatives Ressourcenmanagement gegenüber gewaltsamen Auseinandersetzungen bevorzugen. Es wird in der Klimapolitik deshalb entscheidend darauf ankommen, neben der schnellen Reduktion des Treibhausgasausstoßes auch die Kapazitäten zum Umgang mit den unvermeidlichen Folgewirkungen des Klimawandels auszubauen, gerade in den Entwicklungsländern.
Ganz gleich ob es um Energiesicherheit, Ressourcenkonflikte oder den Klimawandel geht: Schreckensszenarien halten ein Thema zwar auf der politischen Agenda – und den Alarmisten in den Medien. Aber es besteht die Gefahr, dass die bildreich präsentierten Bedrohungen beim europäischen Publikum mit der Zeit nur noch Fatalismus hervorrufen. Eine vorausschauende Politik aber braucht etwas anderes: ein langfristiges Mandat für ein unaufgeregt-pragmatisches Risikomanagement.



Wie wunderbar, ein Artikel in dem tatsächlich präzise unterschieden wird, zwischen belastbaren Ergebnissen der Klima-Wissenschaft und den zum Teil in der Tat sehr spekulativen “Horrorszenarien” die daraus gestrickt werden. Mein Eindruck ist, dass leidere nur sehr wenige Artikel es schaffen, den Alarmismus in der Debatte zu kritisieren ohne auch eine Reihe wissenschaftlich unsinniger oder widerlegter Argumente einzubauen. Hier ist das gelungen, was ich sehr erfreulich finde!
Eigentlich gute Übelegungen.
Ich muss aber in ein paar Punkten leicht widersprechen:
1. Was soll daran schlecht sein, wenn “der Klimawandel” (Sie weisen zu Recht darauf hin, dass er nicht so einfach zu beschreiben ist, wie seine Nutznießer gerne hätten) zu einem “harten Politikfeld” aufgewertet würde? Eine Umstellung der Wirtschaft auf schlankere Emissions-Vorgaben ist doch auch aus anderen Gründen wünschenswert: Verpestung der Innenstadt-Luft, geringer Anteil der Schiene gegenüber der Straße. Zudem wird der Reichtum westlicher Länder, der sich auch den künstlich niedrigen Transportkosten verdankt, endlich einmal wenigstens im Ansatz “durchgerechnet”.
2. Wasserkriege lassen sich nicht gut nachweisen, weil sie meist nicht unter dem Label “Wasser” geführt werden, sondern aus anderen (vorgeschobenen Gründen). Zudem muss “Wasserkrieg” nicht bedeuten, dass der Krieg einzig und allein ums Wasser geführt wird. Häufig sind Mischungen mehrerer Kriegsziele anzutreffen. Der Palästina-Konflikt/bzw. -Krieg ist z.B. auch und vor allem ein Konflikt um Rohstoffe, auch um Wasser. Die Tatsache, dass die UNO den Konflikt/bzw. Krieg in Darfour auf den Klimawandel zurück führt, hat auch etwas mit den Wasserressourcen der Region zu tun.
3. Vergessen Sie doch bitte einmal alle UN-Tagesordnungspunkte und alle europäischen Rede-Manuskripte, wenn es um die Themen Armut und Klimawandel geht. Die meisten dieser Absichtserklärungen sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Sie schreiben “Eine vorausschauende Politik aber braucht etwas anderes: ein langfristiges Mandat für ein unaufgeregt-pragmatisches Risikomanagement.” Ich muss Ihnen leider antworten, dass dies eine höchst naive Sichtweise ist, bestenfalls. Was Palästina und Darfour angeht, ist so ein unaufgeregt-pragmatisches Risikomanagement von der Politik alles andere als gewünscht.
Auf die Problematik, dass Kriege selten unter Angabe der wahren Motivation geführt werden wurde bereits hingewiesen. Zusätzlich sei noch zu erwähnen, dass die Qualität von Klimaflüchtlingen doch noch eine etwas andere ist. Nicht von ungefähr haben sich einige Staaten des indischen und pazifischen Ozeans bereits ernsthaft mit nationalen Evakuierungsplänen beschäftigt und teilweise sich sogar von anderen Staaten zusichern lassen, dass die eigenen Bürger sich dort ansiedeln können. Jemand, der in Zentralafrika lebt kann im Zweifelsfall versuchen sich – notfalls mit internationaler Unterstützung – sprichwörtlich “über Wasser” zu halten. Bröckelt einem aber wegen Korallenbleiche, Zunahme von Stürmen und Anstieg des Meeresspiegels das eigene Land komplett unter den Füßen weg bleibt wenig anderes übrig, als woanders hinzugehen. Denen, die das ganze verschuldet haben dürften dann wenig Sympathien zukommen.