Peter Glaser

Die lausigen Pennies

Peter Glaser | 12 Kommentar(e)


Warum das Geldausgeben im Netz ausgerechnet bei Kleinbeträgen so schwierig ist:

01.12.2009 | 

Das Bemerkenswerteste an der zunehmenden Diskussion um Bezahlinhalte im Netz ist die Tatsache, dass es im Internet kein Geld gibt. Bei etwas größeren Beträgen fällt das nicht so auf. Der ganze E-Kommerz hat einfach die altbewährten Überweisungsmodelle des Versandhandels übernommen, und für materielle Waren funktioniert das auch ganz gut. Bei digitalen Gütern hat sich eine Neigung herausgebildet, es erst einmal umsonst zu versuchen. Bei Software oder Musik ist das manchmal verboten, ein Geschäftsmodell wie Apples iTunes Store zeigt aber auch, dass es erfolgreich anders geht. News und Zeitungsartikel dagegen stehen weitgehend frei im Netz – noch.

Das Netz ist das erste Massenmedium in der Geschichte, das nicht aus einem kommerziellen Zusammenhang hervorgegangen ist. Das WWW war ursprünglich als Werkzeug zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit gedacht. Das, was manche heute als “Geburtsfehler” des Internet sehen wollen, hat zu tun mit der ethisch bedingten antikommerziellen Grundhaltung von Wissenschaftlern, die das Netz in den ersten Jahren getragen haben. Ein studentisches Lieblingsprojekt zur Weltverbesserung, nämlich die Abschaffung des Geldes, ist, wie wir nun sehen, erstaunlich erfolgreich verlaufen – zumindest was das Kleingeld betrifft.

Ein Buch um 15 Euro bei Amazon zu kaufen – kein Problem. Aber wenn es darum geht, schnell mal einen Zeitungsartikel für 30 Cent mitzunehmen, wird es unerwartet schwierig. Dieses digitale Kleingeld aber, die “lousy pennies”, wie der Verleger Hubert Burda sie nennt, ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg im Netz. Eines der wesentlichen Merkmale des Medienwandels ist nämlich, dass sich Massenmedien nun in Medienmassen verwandeln. Die Angebote werden vielfältiger und zugleich kleinteiliger. Und niemand will sich, nur um 30 Cent zu bezahlen, erst hier und da und dort umständlich registrieren müssen.

Bestes Beispiel für den Makro-Erfolg dieser neuen Mikrokultur ist die SMS. Die besten Abrechnungsmodelle für Kleinbeträge haben die Netzprovider und Telekoms in der Hand, da der Netzzugriff prinzipiell kostenpflichtig und die monatliche Abrechnung standardisiert ist. Und ob ein Online-Anbieter eine Provision an eine Kreditkartenfirma, an PayPal oder an einen Netzbetreiber entrichtet, ist eher zweitrangig, wenn dadurch ein solches System für Nutzer überhaupt akzeptabel würde.

Stattdessen will nun erst einmal die Deutsche Post Verlagen dabei helfen, Bezahlmodelle im Internet zu entwickeln. Das soll mit Hilfe des sogenannten “Online-Briefs” geschehen, mit dem sich rechtsverbindlich E-Mails und damit natürlich auch Zahlungsanweisungen verschicken lassen. Na, mal sehen.

Außer dem Kleingeld fehlen übrigens im Netz auch weitere fundamentale Einrichtungen, die uns heraußen in der Welt der Dinge selbstverständlich sind, etwa der Zeitungskiosk. Aber das nur am Rand.

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Diesen Beitrag schrieb Peter Glaser für seine Glaserei. Wir crossposten ihm mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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12 Kommentare

  1. Gunnar Sohn |  01.12.2009 | 20:46 | permalink  

    Schnell mal einen Artikel für 30 Cent mitzunehmen wäre ja schon ein Schritt in die richtige Richtung. Bei GBI/Genios und Co. zahlt man 2 Euro aufwärts. Hier müssen die Verlage noch ihre Hausaufgaben machen für eine massentaugliche Micropayment-Strategie.

  2. Robin Meyer-Lucht |  01.12.2009 | 21:04 | permalink  

    @ Gunnar Sohn: bei 30 Cent ist – im Verhältnis – der Anteil der Transaktionskosten sehr hoch, siehe:
    http://carta.info/15348/micropayments-onlinejournalismus/

    Daher wird eine 30 Cent pro Text-Variante sehr kompliziert in der Umsetzung.

  3. Usul |  01.12.2009 | 23:02 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht: Natürlich müssen bei einem Micropayment-System die Transaktionskosten entsprechend niedriger sein. Es ist sowieso pervers, wieso bei rein elektronischen Prozessen, die, wenn einmal etabliert, praktisch keinen Aufwand außer Wartung/Support/Hosting mehr bedeuten, pro Vorgang solch exorbitant hohen Transaktionskosten anfallen.

    Bei kleinen Transaktionen muss man die Prozesse ggf. bündeln. Also wenn z. B. ein Verlag, der einzelne Artikel für wenige Cent pro Stück verkauft, dann nicht mehr jeden einzelnen Artikel beim Micropayment-Anbieter abrechnet, sondern in größeren Chargen.

  4. Robin Meyer-Lucht |  01.12.2009 | 23:16 | permalink  

    @ Usul:

    Picard hat versucht zu verdeutlichen, dass es sich hier um keine technisches, sondern ein systematisches Problem handelt.

    Die Lösung sind nicht bessere Micro-Payments, sondern Makro-Bezahlmodelle. Vulgo: Abos für mehrere Sites.

  5. Britta Stahl |  02.12.2009 | 10:38 | permalink  

    Vielleicht ist diese Diskussion mal ein Ausgangspunkt, um das “Kleingeld des Internets” zu erfinden oder zu definieren. Vorstellbar wäre eine zentrale Lösung, ähnlich Paypal, bei der sich die Nutzer ein aufgeladenes Guthaben mit E-Mail-Adresse und Geheimzahl verbrauchen können. Die Kosten der Transaktion müssten durch eine Automatisierung dieses Systems extrem nach unten gedrückt werden können.

  6. Jochen |  02.12.2009 | 14:00 | permalink  

    Die Browsergame-Branche zeigt erfolgreich den Weg zur akzeptierten Zahlung im Netz:
    Das Grundspiel ist frei und wer ein paar Verbesserungen und Vorteile haben will, zahlt einen (kleinen) Betrag, der dann zielgruppengerecht per SMS (und mit den klassischen Zahlungsmitteln) bezahlt werden kann. Es gibt dafür spezialisierte Anbieter, die die Abwirklung durchführen. Hat das jemand mal Burda und Co. erzählt?

  7. Wittkewitz |  02.12.2009 | 14:38 | permalink  

    Vielleicht erinnert sich eines Tages mal einer der Tatsache, dass in Afrika mit MPesa ein extrem erfolgreiches Bezahlmodell mit dem Handy etabliert ist und vodafone damit ein Deutschland den Banken und Kreditkartenfirmen in zwei Jahren 30% des Geschäftsmodells verhagelt hätte. Da wäre dann das Thema Payment im Vorbeigehen mit drinnen. Allerdings nur für Handybesitzer (hähä), was circa 98% der Leser sind. Aber ich denke, dass die Banken dann binnen eines Tages alle Schulden von vodafone zurückfordern und die schlicht Angst haben hier eine Banklizenz zu beantragen. Aber wenn Mikrokreditbanken jetzt schon das doppelte der Deutschen Bank an Profit machen, dann wird sich die Finanz-Landschaft hier eh noch etwas ändern…

  8. Lesestoff 02/12/2009 | ich:AG |  02.12.2009 | 15:34 | permalink  

    [...] Die lausigen Pennies Sobald das Internet breitenmäßig mobiler wird und Internetseiten oft aus Smartphones angesehen werden, sollte sich das Problem erledigen. Dann werden die Cent-Beträge einfach wie eine SMS abgerechnet. [...]

  9. Andreas |  05.12.2009 | 10:11 | permalink  

    Mir ist es wichtig, digitiale Inhalte anonym bezahlen zu können, um das Sammeln von Daten und den unausweichlichen Missbrauch dieser Daten zu verhindern. Warum möchte Apple wissen, wer im iTunes Store einkauft, obwohl die Daten heruntergeladen werden und nicht geliefert werden müssen? MicroMoney-Prepaid-Guthaben kann man bereits jetzt anonym im Telekom-Laden kaufen und zur anonymen Bezahlung einsetzen – egal ob zur Bezahlung einzelner Artikel oder mehrerer Sites.

  10. Kolja |  05.12.2009 | 18:40 | permalink  

    Gerade deshalb finde ich die Idee dass Facebook “Pay with Facebook” neben der eigenen Plattform auch im Netz anbietet sehr spannend.

    http://koljahebenstreit.de/pay-with-facebook-ermoglicht-facebook-die-weitere-monetarisierung-des-internet/274

  11. Meeresbiologe |  05.12.2009 | 19:47 | permalink  

    Die richtige Masse an Einnahmen könnte mit noch viel geringeren Beträgen als 30 Cent erzielt werden. Einen guten Artikel für 5 oder 10 Cent? Da könnten sich Massen von Usern das Anklicken durchaus überlegen. Pro gutem Artikel 30 Cent erscheinen mir immer noch zuviel. Denn da könnte sich am Tag ganz schön was zusammenläppern und Einnahmen eher verhindert als erzielt werden. Zumal sämtliche Vertriebskosten wegfallen und Texte nur noch in den PC getippt werden und verbreitet werden müssen.

  12. wingthom |  12.12.2009 | 23:21 | permalink  

    So ein richtig schlankes Modell für Bezahlvorgänge gibt es noch nicht. Wenn Facebook da eine rechtssichere und praktikable Methode entwickelt und dem Gesamtmarkt zur Verfügung stellt, hilft das sicher.

    Nur – den “Journalismus” wird auch das im Web nicht retten.

    Weil mit diesen Bezahlmethoden ja auch lustige Spiele, Services, Programme abgerechnet werden können. Ich vermute mal, dass viele Investoren (oder Geldvorleger / Verleger) dann doch lieber in Programmierer investieren als in Journalisten, weil der dann messbare Profit einfach höher ist.

    Journalismus muss sich zum Teil der Ökonomie unterwerfen, kann es aber aus Relevanzgründen häufig auch nicht.

    Nur ein Beispiel: soll eine Online-Zeitung auf einmal über Politik weniger schreibern, nur weil kaum Online-Leser dafür bereit sind zu bezahlen ? Im Idealfall sind es gerade die aufwändig recherchierten Geschichten, für die viele Leser zahlen wollen, aber wenn es gerade nicht so ist: unterbleibt dann die Recherche ?

    Spezialisierte Online-Medien haben das Problem weniger, weil es nicht soviel Konkurrenz gibt (die journalistischen Talente sind hier eher rar).

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