Michael Spreng

Systemstörfall Brender

Michael Spreng | 5 Kommentar(e)

  PDF


23.11.2009 | 

Das Problem mit Nikolaus Brender ist nicht, dass er links ist oder rechts oder gar nichts. Das wäre in den von Parteien beherrschten öffentlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten kein Problem. Das kriegt man mit dem Proporz irgendwie hin. Der ZDF-Chefredakteur ist etwas viel Schlimmeres: er ist ein unabhängiger Kopf, ein richtiger Journalist, der sich von niemandem etwas sagen lassen will, schon gar nicht von Parteien.

So ein Querkopf passt wirklich nicht ins System, so einer war nicht vorgesehen in einer Welt, in der Politiker die Gremien beherrschen und ehemalige Parteisprecher und journalistische Liebediener jahrzehntelang mit attraktiven Posten belohnt wurden. Da passt einer nicht rein, der Protestschreiben von Parteien und Politikern entweder gar nicht oder rotzfrech beantwortet, der bei Politiker-Anrufen nicht zurückruft und der sich jede Einmischung in Personalentscheidungen brüsk verbittet. Und der Interviews oder Gespräche, sei es mit Gerhard Schröder in der Elefantenrunde oder mit Angela Merkel in “Was nun…?”,  frech und inquisitorisch führt. Eigentlich können ihn die SPD-Leute auch nicht leiden, weil aber der CDU-Mann Roland Koch den unseligen Kampf gegen die Verlängerung von Brenders Vertrag begonnen hat, solidarisieren sie sich zähneknirschend mit ihm.

Und plötzlich wird ein eigentlich ganz normaler Journalist, so wie ein normaler Journalist zumindest sein sollte, zum Märtyrer und letzten Mohikaner des ganzen, angeschlagenen Berufsstandes. Weil die Normalen eben heute immer mehr die Ausnahme sind, auch in den Zeitungen und Zeitschriften. In Zeiten der Wirtschaftskrise, des Auflagen- und Anzeigeneinbruchs, wird aus dem aufrechten Gang bei vielen aus Existenzangst der gebeugte Gang. Und deshalb können auch manche Journalisten Brender nicht leiden, weil er sie an ihren gebeugten Gang erinnert und sie sich schämen.

Inzwischen solidarisieren sich prominente Staatsrechtler mit ihm (und der Verfassung), das ganze öffentlich-rechtliche Proporz-System steht wieder einmal zur Debatte. Wer aber Roland Koch kennt, der sollte sich nicht täuschen: das wird durchgezogen, das wäre ja noch schöner, da könnte ja jeder kommen. Die Wogen werden sich schon wieder glätten.

Aber die Grundsatzdebatte über Staatsnähe oder -ferne muss endlich zu Ende geführt werden. Das geht nur, wenn die Journalisten wirklich zusammenstehen, sich noch einmal gemeinsam aufraffen, um den Spuk ad absurdum zu führen. Wenn potentielle Nachfolger Brenders sich verweigern würden, wenn sie erklärten, dass sie auf diese Weise keine Karriere machen wollen. Wenn es keine Alternativ-Kandidaten für den ZDF-Chefredakteur mehr gäbe. Dann müsste Koch seinen langjährigen Sprecher Dirk Metz zum ZDF schicken. Das wäre wenigstens mal ehrlich.

Michael Spreng blogt auf Sprengsatz. Wir übernehmen seinen Text mit freundlicher Genehmigung als Crosspost.

Post to Twitter Artikel twittern

Artikel per E-Mail empfehlen Artikel per E-Mail empfehlen

5 Kommentare

  1. Gk |  23.11.2009 | 22:28 | permalink  

    “Wenn potentielle Nachfolger Brenders sich verweigern würden, wenn sie erklärten, dass sie auf diese Weise keine Karriere machen wollen.”

    Der Gedanke kam mir auch. Das würde die Aktion der Staatsrechtler toppen. Die freye Hahne-Aktion. :)

  2. Robin Meyer-Lucht |  24.11.2009 | 15:48 | permalink  

    @ Gk: In der Tat: Der Vorschlag hätte noch einmal eine ganz andere Dimension.

    Aber: ZDF-Redakteure denken nicht nur verfassungsjuristisch. Mit oder ohne Brender, sie werden sich mit einem gewissen Grad politischer “Flankierung” arrangieren müssen.

  3. maculatur |  24.11.2009 | 19:46 | permalink  

    Der Parteien-Proporz bei den Ö/R ist nicht neu. Bei der Wahl eines Intendanten trat dieser immer deutlich zu Tage. In einer Zeit, in der wir von den Gewählten permanent manipuliert werden, und die Presse die ihr zugedachte Rolle als 4. Macht im Staat immer weniger reflektiert, muss verhindert werden, dass die vom Gebührenzahler finanzierten Sendeanstalten ARD und ZDF den Interessen einiger Weniger zum Opfer fallen. Es wäre an der Zeit, die Gebührenzahlermacht als Mitbestimmungsmodell bei derlei Entscheidungen zum Tragen kommen zu lassen. Die GEZ als Wahlamt, vielleicht mit Abstimmung übers Internet, das hätte was von Mitbestimmung des Volkes. Wer traut sich?

  4. Robert Klemme |  30.11.2009 | 11:00 | permalink  

    Die Grundsatzdebatte wird nie zu Ende geführt werden können: selbst, wenn es gelänge den Zugriff der Parteien auf die Medie jetzt zu reduzieren, können wir sicher sein, dass das Thema früher oder später wieder hochkocht. Die Wahrung der Presse- und Meinungsfreiheit ist ein kontinuierlicher Prozess. Wer meint, das Ziel erreicht zu haben, gibt den Kampf auf.

  5. maculatur |  11.12.2009 | 08:50 | permalink  

    Es ist vollbracht. Die den Mächtigen genehmen Personen sind eingesetzt. Erfüllungsgehilfe/Erfüllungsgehilfin ist der Ausbildungsberuf der Zukunft. Die (bezahlte) Manipulation der Massen an der Quelle wird mit “Einschaltquote” gerechtfertigt. Die im Aufsichtsrat politisch unterlegene Farbe schweigt. Der damit unterlassene Gang zum Verfassungsgericht ist Unterstützung pur und Wasser auf die Mühlen dieses “Systems”. Die institutionelle Diskriminierung feiert und schafft gleichzeitig weitere “Abhängigkeiten” für ihr Gebaren. Der Souverän ist “abgewählt”.

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen: