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Tim Renner

Willkommen in Babylon

Tim Renner | 6 Kommentar(e)


Musikindustrie, Musiker und Konsumenten reden in einem babylonischen Stimmengewirr aneinander vorbei. Wie ein Angebot aussehen müsste, dass allen Seiten gerecht wird.

19.11.2009 | 

Alle wollen hoch hinaus:

  • Die Musikindustrie träumt von Umsatzzahlen aus dem Jahr 1998 und Renditen um die 20%, wie sie ihr damals zu Hochzeiten des CD-Verkaufs noch beschert wurden, wenn sie über die Zukunft redet.
  • Die Musiker wünschen sich in digitalen Umfeldern deutlich mehr Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit, versuchen sich teilweise von den Apparaten der Musikindustrie zu entkoppeln und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
  • Die meisten Konsumenten verlangen alle Musik zur sofortigen und einfachen Nutzung durch Download, also eine Freiheit, wie man sie vor 10 Jahren dank Napster schon genossen hat.

Alle haben aus ihrer Sicht einen Punkt:

  • Wieso sollte die Musikindustrie geringe Ansprüche an ihre Werthaltigkeit stellen, als sie die schon unter einem anderen Geschäftsmodell bewiesen hat?
  • Wieso sollen in der Digitalisierung Musiker noch Apparate mitfinanzieren, die von ihrer Dimension auf den Vertrieb physischer Güter ausgelegt sind?
  • Wieso sollte ein Konsument für etwas zahlen, was er im Zweifel, wenn auch illegal, per Torrent-Tracker schneller und besser umsonst bekommen kann?

Alle reden in einem babylonischen Stimmgewirr aneinander vorbei und verlangen unmögliches:

  • Die Musikindustrie kann sich einem neuen Geschäftsmodel nur verwehren, wenn es ihr gelingen sollte, die totale Kontrolle über ihre Rechte im Netz zu behalten. Totale Kontrolle und Internet gehen aber mit den existenten Bürgerrechten, die die Grundlage der Gesellschaft bilden nicht zusammen.
  • Die Musiker werden nur dann in der Lage sein alle ihre Rechte für sich zu behalten, wenn ihre Kapitalisierung sichergestellt ist. Für die Großen ist das kein Problem, für die, die noch groß werden wollen, jedoch nahezu unmöglich Das, was sie als Musik produzieren, ist ein immaterielles Wirtschaftsgut und darauf bekommt man, solange wie die Grundregeln der Finanzwirtschaft (Basel 2) nicht geändert werden, nicht einmal Kredite.
  • Der Konsument wiederum kann nicht erwarten, dass sich eine spannende Musikkultur auf Dauer entwickelt, wenn keiner bereit ist, in diese langfristig zu investieren. Weshalb sollte aber jemand investieren, wenn sich Erlöse mit ihr direkt nicht mehr erzielen lassen? Die Frage bleibt zumindest so lange unbeantwortet, wie die Regeln der Marktwirtschaft Bestand haben. Selbst ein Ende dieser im Internet hilft nicht weiter: das staatliches oder über Spenden gesteuerte Systeme im Sinne der Kreativität und Vielfalt wären, ist nicht wirklich anzunehmen.

.Also kommen alle nicht weiter, wenn sie auf ihren jeweiligen Positionen beharren. Solange sie nicht aufeinander zugehen, sondern aufgeregt aneinander vorbeireden, bauen sie an einer Zukunft ohne Substanz. Keine Seite hat die Chance sich wirklich durchzusetzen, die Ansätze greifen nicht ineinander. Willkommen in Babylon. Aber selbst wenn es einer Partei gelänge, ihre Position durchzuholen wäre das Ergebnis ein Staat, ein Markt, oder ein kulturelles Angebot, mit dem man oder in dem man nicht  leben möchte.

Wenn man allen Seiten gerecht werden will, muss man ein Angebot entwickeln, welches:

  • sicherstellt, dass keine faktische Enteignung des Produzenten eintritt, also ein Markt durch Wettbewerb und Nutzung zuordenbarer Rechte  in der Musikwirtschaft erhalten bleiben kann.
  • Einstiegshürden für kleine Anbieter abgebaut werden und der Umstieg in den moderneren, aber auch ressourcenfreundlichen Download forciert wird.
  • dem Konsumenten einen Service bietet, den er im Netz auch per P2P bislang noch nicht erhält.

.Die einzige Möglichkeit, die sich da anbietet, wäre sicherzustellen, dass:

  • jeder Internet Service Provider neben dem reinen Anschluss auch eine Flatrate zum Downloaden und Behalten von Musik (und später anderen Kulturgütern) anbietet
  • in dieses Angebot jeder aufgenommen werden muss, der dies mit seiner Musik will
  • umgekehrt auch jeder seine Musik dort einstellen muss, sobald er sie Dritten kommerziell zugänglich macht.

.Die Konsequenz daraus wäre:

  • Es könnte anteilig (pro rata numeris) jeder einzelne Download fair dem Rechteinhaber gegenüber abgerechnet werden
  • Jeder Anbieter könnte einfach und schnell an dem Markt teilhaben, egal ob mit oder ohne Label
  • Der Konsument hätte garantiert immer die neueste Musik, in bester Qualität und totaler Vollständigkeit zur Verfügung, müsste dafür aber ein Abo bezahlen.

Bei der all2gethernow saßen endlich alle Parteien zusammen. Sobald man über solche Modelle spricht, wird die Kommunikation aber schwer. Die Musikindustrievertreter verstehen nur „Kulturflatrate“ und denken an eine Art Steuer für ihr Produkt, die eher der GEZ ähnelt und die sie im Sinne eines Marktes ablehnen müssen. Die Künstler wiederum hören Pauschalisierung und denken voller Schrecken, aber zu unrecht, an die Abrechnungen aus der pauschalen GEMA-Blackbox. Einige Konsumenten  schließlich sind verunsichert, wenn sie hören, dass es hier auch ums Bezahlen geht.

Alle wissen aber, wie die Sache mit Babel ausgegangen ist. Die Wahrheit wird sich nur finden, wenn man weiter aufeinander zugeht, zuhört  und eine gemeinsame Sprache findet. Geschieht dieses oft und intensiv genug, verlieren irgendwann auch Vorschläge wie dieser ihren Schrecken für die Bewahrer des jeweiligen Status Quo.

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6 Kommentare

  1. Marcel Weiß |  19.11.2009 | 13:41 | permalink  

    Es wäre interessant, wenn Sie, Herr Renner, nicht nur immer wieder fordern, dass man “weiter aufeinander zugeht, zuhört und eine gemeinsame Sprache findet”, sondern auch selbst als Beispiel vorangehen.

    Sie propagieren immer wieder die Kulturflatrate, gehen aber nie auf die konkreten Probleme bei einer Umsetzung ein.
    Allein folgende Aussage führt zu einigen Problemen:

    “Es könnte anteilig (pro rata numeris) jeder einzelne Download fair dem Rechteinhaber gegenüber abgerechnet werden”

    Namentlich:
    -Fragen der Netzneutralität
    -Wie sinnvoll ist es, eine kostenneutrale Aktivität als Bemessungsgrundlage zu nehmen
    -etc.

    siehe auch meinen Artikel zum Thema:
    http://netzwertig.com/2009/06/29/kulturflatrate-pro-und-contra/

    Bis dato habe ich noch keine Entkräftigung meiner Bedenken irgendwo gelesen.

  2. Matthias Schwenk |  19.11.2009 | 14:01 | permalink  

    Ich muss Marcel Weiß zustimmen. Der Text bleibt zu vage und kommt nicht über das hinaus, was vor Monaten schon Stand der Dinge war. Warum wird hier nicht z. B. näher auf Lösungsansätze eingegangen, wie sie von Spotify, Simfy oder steereo praktiziert werden? Geht das nicht in die richtige Richtung? Und wie sind die Überlegungen der Skype-Gründer zu sehen, die demnächst auch was mit Musik im Internet machen wollen? Zudem wurde gerade imeen von MySpace übernommen…

  3. Tim Renner |  19.11.2009 | 16:05 | permalink  

    Lieber Herr Weiß, lieber Herr Schwenk, ich befinde mich in diversen solcher Gesprächsrunden und versuche diese (zB. durch die all2gethernow) auch zu initieren. Das Problem ist nur die ungeheure Langsamkeit in der die Seiten sich aufeinander zu bewegen. Wie oben beschriebn hört jeder immer nur, wovor er Angst hat – Sie zum Beispiel “Kulturflatrate”- und klinkt sich dann aus dem Dialog sogleich wieder aus. Richtig ist in Ihrem Beispiel jedoch, dass ich mich noch nie für eine Kulturflatrate im Sinne einer Steuer oder Zwangsgebühr (siehe GEZ) ausgesprochen habe. Ich weiss nämlich genausowenig wie Sie, wie man das verteilen sollte (siehe mein vorletzter Carta Beitrag). Eine Flatrate als fakultatives Angebot würde allerdings eine Verteilung per Abruf ohne weiteres möglich machen (es käme ja jeweils von einem zentralen Server). Die Spotify Story ist leider auch kein Vorbild: der Dienst steht vor dem aus, weil die Majors (obwohl an ihm beteiligt) gebühren verlangen, die durch Werbung und Abos nicht zu erbringen sind. Ansonsten helfen beispiele die nicht unter Einigung aller Parteien entstehen nicht wirklich als Beispiel weiter, oder?

  4. Marcel Weiß |  19.11.2009 | 16:46 | permalink  

    Herr Renner:

    “Eine Flatrate als fakultatives Angebot würde allerdings eine Verteilung per Abruf ohne weiteres möglich machen (es käme ja jeweils von einem zentralen Server).”

    Fakultativ: Löst nicht das Problem der Kriminalisierung von unautorisiertem P2P. Das würden die Majors weiter verfolgen.
    Zentraler Server: Und die Innovation von MP3-Blogs, Hypemachine und Tausend anderen Angeboten ausblenden? Naja. Von Gatekeeper-Problemen ganz zu schweigen.

    “Wie oben beschriebn hört jeder immer nur, wovor er Angst hat – Sie zum Beispiel “Kulturflatrate”- und klinkt sich dann aus dem Dialog sogleich wieder aus.”

    Schauen Sie sich meinen im obigen Kommentar verlinkten Artikel doch einmal an. Wie man die Flatratelösung nennt, ist nicht wichtig. Die Argumente bleiben weitestgehend die gleichen.

    Ich bin für einen Dialog mehr als bereit, aber was soll ich machen, wenn man das fordert und gleichzeitig mir nicht zuhört? :)

  5. Tharben |  20.11.2009 | 16:11 | permalink  

    Ich lese aus dem Beitrag von Tim Renner ein Plädoyer für eine Art Opt-In-Kulturflatrate; noch für Musik, bald für alle Kulturgüter.

    @Marcel Weiß

    Weil ich vor kurzem netzwertig.com entdeckt habe und für interessant und wichtig halte, werde zumindest ich mir deinen (Carta.info-Jargon: Ihren) Artikel bei Zeiten aufmerksam lesen.

  6. Leonhard Dobusch |  27.11.2009 | 15:47 | permalink  

    Wenn ich mir die jüngst auf Times-Online veröffentlichten Zahlen so anschaue, dann scheint es mir doch fraglich, ob wirklich niemand bereit ist, in Musik(kultur) zu investieren – scheinbar geben die Leute fast genausoviel Geld für Musik aus wie vor der digitalen Revolution, nur dass davon teilweise sogar etwas mehr bei den Musikerinnen und Musikern ankommt…

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