Andreas Grieß | 6 Kommentar(e)
Die Bildungsproteste werden von wenigen Aktiven getragen, obwohl sie mit breiter Zustimmung rechnen können – eine Folge der vergangenen Reformen.
17.11.2009 |
Das lose Aktionsbündnis „Bildungsstreik 2009“ versucht derzeit, wie bereits im Juni, deutschlandweit Studenten auf die Straße zu bekommen, um gegen Mängel im Bildungssystem zu demonstrieren. „Wir machen weiter“ so das Motto. „Trotz großer Aufmerksamkeit und kleinen Zugeständnissen hat sich nichts geändert – unsere zentralen Forderungen wurden nicht erfüllt“, heißt es im aktuellen Aufruf.
Eine richtige Feststellung. Nur kurz wurde der Studentenprotest von den Mainstream-Medien erwähnt, dann geriet er in Vergessenheit. Bundestag und einige Landtage debattierten darüber, dann legte man das Thema zu den Akten. Opel, Schweinegrippe und vor allem die Bundestagswahl verdrängten die Forderungen. Doch um welch Forderungen geht es eigentlich?
Im Kern lassen sie sich in drei Punkten zusammenfassen:
- Die Abschaffung von Bildungsgebühren (Kindergarten bis Universität)
- Weniger Einfluss der Wirtschaft auf die Lehre
- Selbstbestimmtes Lernen, das über reines Auswendiglernen hinausgeht.
.
Einer Umfrage im StudiVZ nach (nicht repräsentativ, Stand 16.11.) unterstützt der größte Teil der Studierenden die Forderungen, macht jedoch selbst nicht beim Streik mit. Ein Umstand, der von politischen Kräften sowie den Leitmedien wohl bereitwillig aufgegriffen werden wird. „Seht hier, das fordern doch nur wenige, der Rest ist einverstanden!“
Die Wahrheit sieht anders aus. Dass sich verhältnismäßig wenig Studierende am Protest beteiligen, ist selbst eine Folge der vergangenen Reformen. Beispiel Studiengebühren: Diejenigen, die durch Gebühren vom Studium abgehalten wurden, sind nun natürlich keine Studenten – und somit kein Teil von Studentenprotesten. Sie sind darauf angewiesen, dass andere für sie demonstrieren.
Ein weiteres Hindernis ist der Leistungsdruck: Viele Prüfungen und verstärktes Aussieben führen dazu, dass bei den Studierenden das Gefühl weit verbreitet ist, keine Zeit für Protest zu haben. Es überwiegt die Angst, persönliche Nachteile zu erlangen, aufgrund von Fehlzeiten oder sogar dem politischem Engagement selbst, welches zwar von vielen Dozenten unterstützt wird, aber eben nicht von allen. So kommt es, dass viele Studenten zwar die Forderungen gutheißen, sich jedoch an scharfen Protestformen nicht beteiligen, sie teilweise nicht einmal gutheißen.
Sollen Mängel im Bildungssystem jedoch auf die politische Tagesordnung, müssen sich viele Studenten und Unterstützer zusammen finden. Der Zeitpunkt wäre günstig. In vielen Staaten gibt es derzeit ähnliche Aktionen. In Deutschland kommt hinzu, dass der neuen Regierung viel daran liegen wird, sich in der Gesellschaft zu etablieren. Nicht zuletzt steht am 10. Dezember eine Kultusministerkonferenz an. In diesen Zeitraum brauchen die politischen Studenten zumindest einen Teilerfolg.
Andernfalls werden die aktuellen Proteste, wie schon im Sommer, einfach ausgesessen. Danach wird es schwer sein, noch einmal genügend Studenten zu mobilisieren. Die Änderungen am Bildungssystem hätten dann – beabsichtigt oder nicht – neben einer schwierigen Bildungssituation noch einen anderen Effekt: Sie hätten die Studenten Deutschlands als kritisch-politische Stimme auf lange Zeit ruhig gestellt. Wenn nicht einmal für eigene Interessen genug Leute zu mobilisieren sind, wird es erst recht keine großen Demonstrationen von oder mit Studenten bei anderen gesellschaftlichen Themen geben.
Traditionell sind Studenten, gerade in Deutschland, eine Stimme, die sich kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzt. Dies könnte verloren gehen: Credit Points statt gesellschaftlichem Diskurs. „Wenn ich groß bin, werde ich auch mal Humankapital!“, titelten einige der demonstrierenden Studenten in Österreich. Scheitern die Proteste, werden die Studenten in Deutschland dafür gar nicht mehr erst groß werden müssen…






Großartiger Kommentar, wirklich großartig.
Hier in Jena wurde soeben der Hörsaal 1 am Campus von der Polizei geräumt. 1500 aktive Studenten protestieren hier friedlich. Als man der Polizei den Einlass verwehrte, gab es Pfefferspray.
Viele sehen zu. Und wahrscheinlich fragen sich die Wenigsten, wer die Räumung abgenickt hat.
Die Studenten, die Mehrheit schweigen sich in ihr berufliches Grab.
Der Lauf der Dinge.
Es ist nicht nur der Studentenstreik auf den Aufmerksamkeit gelegt werden muss. Genauso viel Aufmerksamkeit werden wahrscheinlich die Schüler mit ihrem Streik bekommen und deren Forderungen und die Leute die die Schülerseite organisieren sind definitiv vor linksradikalem Gedankengut fast am platzen. Das ist etwas das ein schlechtes Licht auf die wirklich notwendigen Studentenproteste gegen Studiengebühren und ähnliches werfen wird und im Zweifelsfall für alle Politiker das sein wird, womit sie sich rausreden können um die Forderungen zu Ignorieren. Schade das die Medien diese Tatsachen bisweilen ignorieren.
[...] leg ich euch diesen Text ans Herz. Darin geht es um die aktuellen Bildungsstreik-Proteste im November und die Frage, warum [...]
Welche Demonstration wurde denn in den letzten 10 Jahren von der Politik NICHT ausgesessen. Hat sich irgendwas zum Positiven geändert?
Die Einführung der Studiengebühren und zwar nur in einigen Bundesländern ist doch blanker Hohn für jeden Studenten. Einigkeit, Recht und Freiheit, aber Gleichheit wird mit Füßen getreten.
Und wo Freiheit aufhört, setzt Pfefferspray ein – so daß auch die letzten sich das gut überlegen, ob sie für irgendwas eintreten, was sich sowieso nicht ändern wird.
Demonstrationen sind in meinen Augen mittlerweile dermaßen überschätzt, wie die Pandemiegefahr der Schweinegrippe.
Kann mir einer irgendeine Demonstration der letzten 10 Jahre nennen, die irgendwas GEÄNDERT hätte?
Die Politik scheint zwei Druckmittel zu kennen: Das große Geld der Wirtschaft und die Wahlen, die in nächster Zeit anstehen.
Auf Demonstrationen pfeift sie, es sei denn man kann sie instrumentalisieren, um sich in den Medien zu profilieren.
@B: Wie willst Du die Polizei stoppen, wenn sie erstmal den Einsatz abgenickt bekommen hat? Die Polizei kümmert sich einen Dreck um die Anliegen der Studenten und führt diesen Einsatz stur aus bis er erledigt ist. Sollte es irgendwo stocken, wird einfach Gewalt eingesetzt. Als friedliche Studenten hat man da Null Chance. Und wenn man als Student mit Gewalt reagiert, hat man seine studentische schlechte Situation nur um eine noch schlechtere persönliche aufgestockt, mit blauen Flecken, einer Anzeige und was weiß ich. Rosige Aussichten…
Passend dazu auch ein Kommentar auf brennpunkt-f.de über das Für und Wider einer Audimax-Besetzung, und die ständig andauernden Diskussionen darüber: http://brennpunkt-f.de/?p=506
[...] die große Mehrheit der Studierenden drückt sich vor dem lernzeit- und nervenraubenden Protest-Mitmachen. Die schlechten Studienbedingungen sind [...]