Andreas Grieß | 11 Kommentar(e)
Die Abschaffung der Wehrplicht wäre für die Bundeswehr kein großes Problem – sondern für die Wohlfahrtsverbänden, denen ohne Zivildienstleistende billige Arbeitskräfte wegbrechen würden.
04.11.2009 |
Vor der Bundestagswahl hofften nicht wenige Jugendliche darauf, dass die neue Regierung die Wehrpflicht abschaffen würde. Schließlich forderten SPD, Linke, FDP und Grüne genau dies in ihrem Wahlprogramm. Doch nach der Wahl gestaltet sich alles etwas anders. Union und FDP haben sich darauf geeinigt, Wehr- und Zivildienst auf sechs Monate Länge zu verkürzen. Ein großer Vorteil für die in Zukunft herangezogenen ist dies nicht. Denn es bedeutet, wie Peter Tobiassen von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer richtig feststellt, für die meisten jungen Männer weiterhin ein Jahr Ausbildungszeitverlust. Doch noch etwas anderes wird deutlich, seit das Vorhaben öffentlich bekannt ist.
Auffällig ist, dass es kaum nennenswerte Beschwerden seitens der Bundeswehr über die Pläne gibt, aber geradezu einen Sturm der Entrüstung seitens der Organisationen mit Zivildienststellen. Die einen sehen nur noch ein besseres Sozialpraktikum darin, die anderen bezeichnen die Verkürzung als Humbug. Das DRK nennt die Hauptbeweggründe, Bild zufolge, wenigstens beim Namen: Steigende Kosten. „Tätigkeiten müssten nun von Hauptamtlichen übernommen werden“, heißt es.
„Der Zivi ist billig, der Zivi ist willig“, kommentiert die Süddeutsche passend und verweist auf die Groteske, die nun deutlich wird: „Der Zivildienst ist zum wichtigsten Argument geworden, die Wehrpflicht beizubehalten.“ Und berichtet, um welche Geldbeträge derzeit gesprochen wird: „Vor allem die Altenpflege steht vor Finanzproblemen: Ein Zivildienstleistender kostet jährlich etwa 6000 Euro; eine ebenfalls niedrig qualifizierte Pflegehilfskraft kostet bereits das Sechsfache.“
Was viele Zivildienstleistende schon lange empfanden, rückt zunehmend in die Diskussion: Sie werden als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Und so ist es schon fast makaber, wenn etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband anregt, die freien Stellen mit Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres zu füllen. Die bekommen nämlich noch weniger Geld, meist nicht einmal 400 Euro im Monat.
Die Einsatzmöglichkeiten von Freiwilligen im sozialen Jahr sind weiter gefasst. Trotzdem dienen auch sie nicht selten als kostengünstige Arbeitskräfte. So kommt es durchaus vor, dass Jugendliche, die offiziell ein “FSJ im Sport“ ableisten, anstelle von Halbtagskräften bei der Hausaufgabenbetreuung in offenen Ganztagsschulen eingesetzt werden oder fast ausschließlich Büroarbeit bewältigen. Erfahrungen die der Autor dieses Textes zum Teil selber machte.
In welche Richtung sich die „sozialen Dienste“ zunehmend entwickeln, wird auch an anderer Stelle deutlich. Ursula von der Leyen plante Anfang 2008, dass Zivildienstleistende ihre Dienstzeit freiwillig verlängern dürfen und so die Zeit bis zum Studium überbrücken können. Als Gehalt sollte weiter der Zivildienst-Lohn ausgezahlt werden. Der Schönheitsfehler: An vielen Stellen, ist es schon lange gängige Praxis, die Zivildienstleistenden zusätzlich eine Zeit lang regulär zu beschäftigen. In diesem Fall bekommen die Betroffenen in der Zusatzzeit ein deutlich höheres Gehalt.
Motivierend ist es sicherlich nicht, wenn sich Zivildienstleistende nun offiziell als subventionierte Arbeitskräfte fühlen dürfen. Seit Jahren fordert man, dass im Gesundheits- und Pflegebereich mehr investiert wird, Geld für reguläre Arbeitskräfte ist jedoch nicht da. Eigentlich müsste bei einer Zahl von etwa 3,3 Millionen Arbeitslosen doch der Gedanke nahe liegen, dieses Geld dafür einzusetzen, die derzeit 77.511 Zivildienststellen in reguläre Arbeitsplätze zu fairen Löhnen umzuwandeln. Arbeitslose und Jugendliche würden es danken.
Sicherlich lassen sich Stellen nicht eins zu eins umrechnen, selbst wenn man dadurch gespartes Arbeitslosengeld mit einrechnet. Die derzeit geplante Regelung jedoch stellt weder die Jugendlichen noch die Sozialverbände zufrieden. Warum also nicht den langjährigen Forderungen nachgeben und die Wehrplicht durch ein zeitgemäßes Konzept ersetzen?





Eine weitere kleine Fiesheit des Systems: Da die Unis dank Bologna mittlerweile ihre Studiengänge häufig nur noch im Wintersemester beginnen lassen, nützt die Verkürzung auf 6 Monate den Zivis relativ wenig. Ich konnte damals trotz 10 Monaten Zivildienst (und dem Einsatz meines sämtlichen Urlaubs) zum Sommersemester anfangen zu studieren. Mittlerweile lässt sich der Studiengang nur noch zum WS anfangen.
Nette Wahrheit hier und auch gut verpackt…. ;)
“Ein Zivildienstleistender kostet jährlich etwa 6000 Euro; eine ebenfalls niedrig qualifizierte Pflegehilfskraft kostet bereits das Sechsfache.”
Ist diese Aussage so zu verstehen, dass niedrig qualifizierte Pflegehilfskräfte ein Jahresbruttoeinkommen von 36000 EUR haben? Oder sind in den 36000 EUR die ganzen Lohnnebenkosten, von denen die niedrig qualifizierte Pflegehilfskraft nichts sieht, enthalten?
@ck: Aus der Summe, die für die Zivis genannt wird, schließe ich, dass die Lohnnebenkosten drin sein müssten
ja, das ist die summe einnschliesslich lohnnebenkosten. klasse artikel.
sehr schöner artikel. nun das aber. ich musste auch meine zeit abdienen satte 547 tage,das für schlappe 90 mark im monat. was mich heute stört ist der umsatnd das frauen so fein dabei wegkommen.es sollte doch gleichberechtigung herrschen.
dann müssen frauen auch irgendeinen dienst ableisten.kinder bekommen ja nun die wenigsten.darum meine ich einfach ein jahr dienst für mann und frau.eine berufsarmee oder wer da bock drauf hat,macht eben einen armee dienst,kurs zum töten oder was auch immer.aber so ein bisschen dienst an der allgemeinheit,finde ich nicht verkehrt.
unglaublich! statt das sich die sozialverbände für die errichtung neuer arbeitsplätze beim staat einsetzen, fallen sie einer “entmilitarisierung” in den rücken.
das geld, was dann für die armee weniger ausgegeben wird, kann man doch 1:1 in die schaffung von sozialen arbeitsplätzen umsetzen!
was seid ihr denn für ein abgehobener haufen…?
zeigt mir in diesem lande nur eine einzige niedrig qualifizierte Pflegehilfskraft, die monatlich 3000 euro verdient…
ihr habts doch nich mehr alle…
Die Verkürzung der Wehrpflicht ist ohnehin nur ein weiterer Schritt auf den Weg zur Aussetzung. Die Konservativen waren einfach noch nicht so weit, aber die FDP hat mehr erreicht. als ich zu hoffen wagte.
Klar ist es für die Betroffenen blöd, immer noch so viel Zeit zu verlieren, aber dann machen die hoffentlich genügend Druck für die baldige Aussetzung. Im übrigen kann ich meine Zeit immer besser nutzen als beim Bund zu gammeln. Dann nutze ich die Zeit eben zum Jobben. Da es zudem tatsächlich nur 5 Monate Bund oder Zivildienst sind (1 Monat Urlaub, den man auch zur früheren Entlassung nutzen kann), müßte man mal überlegen, ob es mit dem Studium nicht doch paßt. Dann verpaßt man am Anfang halt einige Vorlesungen. Da kommt man schon noch rein.
[...] Verkehrte Welt: Wenn der Zivildienst die Wehrpflicht begründet (CARTA) Kommentar über die geplante Verkürzung der Wehrdienstzeit und den Aufschrei der Sozialverbände. Gibt es die Wehrpflicht nur noch, damit über den Zivildienst billige Arbeitsplätze generiert werden? [...]
Für mich und fast alle Leute aus meinem Bekanntenkreis, die Zivildienst geleistet haben, war dieser eine super Erfahrung. Das ganze Rumgeheule von “der Staat klaut mir meine Zeit” und “ich werde als billige Arbeitskraft ausgenutzt” kann ich nicht verstehen. Der Durchschnittszivi lebt wie als Schüler bei seinen Eltern, hat also kaum Kosten und 400 Euro (+Kleidergeld, Fahrtgeld, usw.) pro Monat in der Tasche. Für ungelernte Kräfte, die einer entspannten Tätigkeit nachgehen und nicht darauf angewiesen sind von diesem Lohn zu leben, ein prima Angebot.
Und mit 6 Monaten hat er genau die Länge eines Uni-Semesters. Man kann zwar nicht an jeder Uni jedes Studium zum Sommersemester beginnen aber manchmal ist es möglich.