Ursula Weidenfeld | 5 Kommentar(e)
Sollte Angela Merkel gehofft haben, dass die Notenbanker trotz ihres Koalitionsvertrags ohne Gegenfinanzierung lange stillhalten werden, wurde sie heute eines Besseren belehrt. Bundesbankchef Axel Webel droht wenig versteckt mit Zinserhöhungenn.
29.10.2009 |
Größer könnte der Dissens zwischen Wirtschaft und Politik auch in einer rotroten Republik nicht sein. Die konservativliberale Regierung will erst mal gar nicht sparen, später vielleicht ein kleines bisschen, und nach den Nordrhein-Westfalen-Wahlen vielleicht noch ein kleines bisschen mehr. Aber auf keinen Fall so viel, dass es die Wirtschaft bremst.
Und die Wirtschaft? Statt sich höflich zu bedanken, lässt sie ihre Cheflobbyisten Seit an Seit mit Bundesbankpräsident Axel Weber durch Berlin marschieren und ausrufen: „Kehrt um! Spart! Jetzt!!“
Nun sind Banken und Industrievertreter im Augenblick sicher nicht die beste Adresse, wenn man nach belastbaren Rezepten gegen die Krise sucht. Doch Axel Webers kaum versteckte Drohungen vor einem Zurückfahren der Liquidität und Zinserhöhungen müssen Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Rainer Brüderle schon ernst nehmen.
Der Bundesbankchef hat im Koalitionsvertrag vergeblich nach der Seite gesucht, in der die Gegenfinanzierung für die neuen Geschenke ans Wahlvolk aufgemacht wird. Und er ließ am Donnerstag in Berlin keinen Zweifel daran, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöhen werde, wenn in Europa unsolide gewirtschaftet werde und Inflation drohe. Die Zeit der negativen Inflationsdaten sei bereits vorbei, sagte er. Er sehe in einer Frist von etwa einem halben Jahr Handlungsbedarf.
Das kann die Bundesregierung nicht ruhig lassen. Mit jeder Zinserhöhung geht Wachstum verloren, mit jeder Zinserhöhung steigt die Schuldenlast des Staates automatisch, wenn nicht gleichzeitig auch in der Politik aktiv zugunsten eines soliden Haushalts entschieden wird. Wenn Angela Merkel heimlich gehofft haben sollte, es werde schon irgendwo in Europa jemanden geben, der die EZB erst mal vom Handeln abhalten wird: Diesen Zahn hat Weber gezogen.





“mit jeder Zinserhöhung steigt die Schuldenlast des Staates automatisch”
die damit einehrgehende unterstellung, dass es immer nur um flexible zinszahlungen geht, die da zu leisten sind, ist nicht richtig.mfg
mh
@ mh: Könnten Sie das noch etwas genauer erläutern: Klar ist doch, wenn die Zinsen steigen, steigen im Zuge der Neuverschuldung und Umschuldung auch die Finanierzungskosten des Staates.
“Klar ist doch, wenn die Zinsen steigen, steigen im Zuge der Neuverschuldung und Umschuldung auch die Finanierzungskosten des Staates.”
genau, das ist unbestritten und war die erste ebene meines gedankengangs. die schulden steigen da automatisch aber eben nur wenn der staat umschuldet oder sich neu verschuldet und nur in bezug auf diese neuen und/oder umgeschuldeten schulden.
die zweite ebene ist: der leitzins gibt nur die richtung vor, niemand ist an den leitzins gebunden. es kann also jederzeit auch zu komplett anderen zinssätzen kommen. das bleibt der nachfrage überlassen. ich könnte mir durchaus ein inflationsszenario vorstellen, in dem die zinsen nicht steigen werden. das ist aber eine ziemlich experimentelle theorie. ich glaube da eher an eine deflation, da reden wir eh nicht mehr über steigende zinsen. :)
die dritte ebene: die EZB hat mitte des jahres, als der größte geldbedarf bei banken bestand, bspw. geld für 1% rausgekloppt und den banken damit die finanzierung für 1 jahr garantiert. trotz nachfrage über gebühr, hat man die zinsen hier nicht erhöht und den markt somit ausser kraft gesetzt. das zeigt eines sehr gut auf: die zinsen werden zur zeit anhand der bankenprobleme bestimmt und nicht anhand der wirtschaftlichen entwicklung, diese einflusswirkung hat man zur zeit aufgegeben. die bankenprobleme sind noch lange nicht gelöst .. auch wenn es rechnerisch in den bilanzen grad mal wieder besser aussieht.
@mh: Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Emissionsplanung der Bundesfinanzagentur für das vierte Quartal 2009: http://www.deutsche-finanzagentur.de/uploads/tx_bmdfapressemeldungen/21_Emissionen_des_Bundes_im_vierten_Quartal_2009_230609.pdf. Da wird schon deutlich, dass Staatsschulden tatsächlich immer wieder neu begeben werden (müssen) und dass da der aktuelle Zins eine Rolle spielt. In den vergangenen Jahren haben die öffentlichen Schuldenmanager davon sehr profittiert, wenn es die angekündigte Zinswende im kommenden Jahr gibt, geht es andersherum.
Was die Deflation angeht, so scheint dieses Szenario vorläufig nicht mehr besonders wahrscheinlich. Die Rohstoffpreise steigen, in Asien zieht die Konjunktur deutlich an. Auch wenn die Produktionskapazitäten in Europa und den USA immer noch nicht so geschrumpft sind, dass rasche Preissteigerungen wahrscheinlich sind, scheint es jetzt eher wieder in Richtung Inflation zu gehen. Freundlichen Gruß uwe
das uwe ist wahrlich irritierend, aber ich glaub ich habs verstanden. ;P
ich wollte auch nicht sagen, dass es keine rolle spielt, sondern lediglich darauf hinweisen dass es sich nicht (va nicht unmittelbar) auf ALLE schulden beziehen kann, so wie es aber formuliert war. ansonsten stehts ja gleich am anfang, dass die belastung ob der rahmenbedingungen gleichmal niedriger als geplant ist. über die zeitschiene hinweg befinden wir uns ohnehin in einem vollkommen anderen durchschnitt.
was die aussage aber so gar nicht honoriert ist, dass schulden per se innerhalb unseres finanzsystems nichts schlimmes sind. es ist ein mythos, dass sie abgetragen werden müssten. es geht hier hauptsächlich um relationen zu “den anderen” sowie auch zur “gesamtgeldmenge”. darüber definiert sich schlussendlich die stärke eines staates und seines leistungsvermögens.
zur deflation: die rohstoffe werden in dollar abgerechnet. verrechnet man es mit dem steigenden euro, siehts dann gar nicht mehr so “stark” aus. daraus inflationäre tendenzen herleiten zu wollen halte ich für gewagt, was europa betrifft.
was die amis angeht, da sieht es natürlich anders aus .. zumindest solange wir uns innerhalb des reflationstrades befinden. demgegenüber steht auch jetzt noch eine enorme vermögenswertvernichtung, spich der abbau von substanz. ansonsten behalte ich meine generellen ausführungen zu dem thema inflation/reflation bei:
http://snipurl.com/t091x
mfg
mh