Matthias Schwenk

Morozov: Mehr Internet, mehr Kontrolle, mehr Eskapismus

Matthias Schwenk | 5 Kommentar(e)


In das Internet ist ein Mehr an Demokratie und Mitbestimmung keinesfalls schon technisch eingebaut, erklärte Evgeny Morozov auf der TED. Autoritäre Regime lernten zunehmend, sich mit dem Netz anzufreunden und es mit ihrem Spin zu versehen.

23.09.2009 | 


Evgeny Morozov stammt aus Weißrussland, was seine Sicht auf das Internet sicherlich entscheidend geprägt hat. Für ihn stellt sich nämlich die Frage, ob das Netz tatsächlich nach und nach überall auf der Welt zu mehr Freiheit und Demokratie führen wird, wie viele Tech-Evangelisten meinen – oder ob nicht autoritäre Staaten ihre Machtstrukturen damit halten und ausbauen können.

Im Juli 2009 sprach er auf einer der TED-Konferenzen. In seinem knapp 12 Minuten langen Vortrag führt er zahlreiche Belege dafür an, dass Staaten wie China, Russland oder Iran ganz gut mit dem Internet leben können. Statt auf Zensur setze man dort zunehmend darauf, Blogger für eigene Zwecke einzubinden. Die Regierungs-PR lernt mit dem Internet zu leben. Die Regime lernen, ihren Spins dem “Spinternet” einzupflanzen:

“Many governments have honed their Internet strategies beyond censorship and are employing more subtle (and harder to detect) ways of controlling dissent, often by planting their own messages on the Web and presenting them as independent opinion.”

Zudem ermögliche das Internet eine neue Form des Eskapismus, so dass junge Erwachsene nicht mehr auf die Straßen gingen und protestierten, sondern sich bevorzugt im Netz von den eigentlichen Fragen ablenken würden.

Video: Evgeny Morozov – How the Net aids dictatorships (cc-by-nc-nd)

Seinen Argumenten kann man sich nicht ganz entziehen, wenn sie auch an der einen oder anderen Stelle zu kurz greifen. Die Position etwa, dass autoritäre Regime nun nicht mehr mühsam durch Folter herausfinden müssten, wie Regimegegner untereinander bekannt und vernetzt sind, weil sich das jetzt einfach auf Facebook ablesen lasse, kann nur bedingt richtig sein.

Denn im dem Moment, in dem klar wird, dass man auf bestimmten Social Networks nicht mehr unter sich ist und der Staat mithört, wird man auf andere Instrumente ausweichen. In dieser Hinsicht war Twitter für die Opposition im Iran nur kurze Zeit von Nutzen, weil das Regime rasch mitzulesen lernte und versuchte, die Twitterer zu identifizieren und zu verhaften. Als diese Gefährlichkeit erkannt war, wurde Twitter nur noch dazu eingesetzt, die Weltöffentlichkeit zu informieren. Dazu dienten Accounts, die keiner realen Person mehr zuzuordnen waren, und die nur von öffentlichen Internetcafés aus bedient wurden.

Dieses Beispiel zeigt aber auch, dass moderne Technologie es repressiven Staaten tendenziell erleichtert, ihre Bürger zu überwachen. Einfache Mobiltelefone etwa können zumindest auf der Ebene der Funkzelle geortet werden, was Aufschluss über Aufenthaltsorte und die Bewegungsmuster beliebiger Personen ergeben kann. Neuere Geräte mit GPS-Empfänger lassen eine metergenaue Ortung zu. Dass Geräte wie das iPhone derzeit erst in Kalifornien relativ weit verbreitet sind, ist dabei nur ein schwacher Trost: Ein Staat könnte es geradezu darauf anlegen, seine Jugend stärker zu kontrollieren und dazu einfach die Vermarktung attraktiver Mobilfunkgeräte subventionieren.

Aus Dubai ist bekannt, dass dort in diesem Sommer der Versuch unternommen wurde, den Datenverkehr aller BlackBerries zu protokollieren. Die Abhöraktion wurde bekannt, weil die Applikation nicht richtig funktionierte und die betroffenen Geräte heiß liefen. Wozu der Scheich dort wohl wissen wollte, was Geschäftsleute so alles über ihren BlackBerry übermitteln?

Insgesamt könnte es also für den einen oder anderen Staat durchaus Sinn machen, anders als in Nordkorea oder Burma (Myanmar), nicht die Zeit anzuhalten, sondern alle Bürger bestmöglich zu vernetzen und zu digitalisieren. Denn je höher die Verbreitung des Internets, desto lückenloser die Kontrolle und desto auch größer die Chancen auf einen Eskapismus (“Cyber-Hedonism”), der das Regime kritiklos schalten und walten lässt.

Wie gut, dass in Deutschland alles ganz anders ist und es hier nie so weit kommen wird! Oder sollte man Evgeny Morozov einmal hierher einladen und mit ihm über die Vorratsdatenspeicherung und das Zugangserschwerungsgesetz sprechen? Vielleicht würde er dann auch über Deutschland auf seinem sehr interessanten Blog schreiben.

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5 Kommentare

  1. Wittkewitz |  23.09.2009 | 17:39 | permalink  

    Hallo Matthias,

    du sprichst einen sehr wunden Punkt an, der in einer emotional aufgeladenen Situation sogar zu Hassbeißreflexen führen kann.
    Es gibt ja seit längerem (1996) mit Perry Barlow und den vielen Ausprägungen der virtuellen Klasse eine technoliberale Bewegung, die aussschließlich das Netz und seine Chancen fokussiert. Dabei wird sehr selten die “andere” Seite des Netzes adressiert.

    Nur wenn “Fachfremde” Einfluß nehmen, wie Politiker, Sozialwissenschaftler oder andere und das Netz als Projektionsfläche des Freien und Erhabenen angreifen durch Skepsis oder gar Hinweise auf die immanenten Schwächen oder Grenzen, dann wird schnell offenbar, dass die “liberale” Haltung nur auf diese Technologie und ihre Potentiale begrenzt ist. Andere gesellschaftliche Phänomene können darin statt finden oder es lassen. Freiheit liegt dort nicht bei den Rechten der mündigen Arbeiterschaft oder den Ansprüchen der Armen sondern wie bei den Konservativliberalen nur darin, dass der Staat und andere sich raushalten. Insofern ist die Piratenpartei und ähnliche Bewegungen einige andere Bewegungen der Net-Generation eine enorme Konkurrenz zur FDP, da sie auch ein Raushalten der Autoritäten fordern, aber keine positiven Freiheitsbgeriffe entwickeln wollen.

    Insofern haben alle diese Länder das Problem, dass wir hier im Westen ein starke Konzentration auf einen negativen Freiheitsbegriff erleben, der nun auch noch als besonders progressiv und modern gilt

  2. Matthias Schwenk |  23.09.2009 | 19:58 | permalink  

    @Jörg Wittkewitz: Guter Einwurf. So betrachtet könnte man die Piratenpartei auch als “sozialromantisch” charakterisieren, weil vermutlich viele ihrer Mitglieder und Anhänger den Freiheitsbegriff gar nicht kritisch hinterfragen. Sie übersehen, dass die von ihnen geforderte Freiheit (im Internet) nur denjenigen nützt, die über die erforderliche Technik- und Medienkompetenz verfügen.

    Weiter gedacht können dann auch Schurkenstaaten gegenüber dem Internet gelassen bleiben, weil dessen Potenzial nur von einer relativ kleinen Schicht ausgeschöpft wird, während die große Masse sich mit billigen YouTube-Videos zufrieden gibt. Wasser auf die Mühlen von Evgeny Mozorov…

  3. Harald |  23.09.2009 | 23:41 | permalink  

    Jeder kann in den Sog von Überwachung einer Diktatur geraten, auch wenn es sich nur um ein harmloses und schlecht gemachtes Youtubevideo handelt. Und gerade die weniger kritischen Menschen werden durch eine verbesserte Internetüberwachung abgeschreckt.

    Und wenn jetzt nach und nach z.B. biometrische Erweiterungen für elektronische Geräte bezahlbarer werden, werden diese auch interessant für autoritäre Regime.

    Für einen positiven Freiheitsbegriff ist wenig Zeit in diesen Ländern, die Menschen müssen sich auf eine neue Situation der erweiterten Überwachung einstellen. Und wir müssen uns der Gefahr stellen, dass digitale Überwachungen und Erfassungen auch bei uns missbraucht werden (können).
    Für Ermittlungsbehörden und Werbetreibende sind das sicher hilfreiche Einrichtungen …

  4. Auf die Augen « Auf die Augen |  24.09.2009 | 10:20 | permalink  

  5. ADoernor |  25.09.2009 | 01:33 | permalink  

    Dummer Spruch, trotzdem wahr. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille…

    In meinen Augen greift die Kritik von Wittkewitz viel zu kurz. Man muss nun mal gewisse Grundanforderungen an die Bürger stellen. Statt darüber zu mutmaßen, dass nur Menschen mit Medienkompetenzen über das Netz politischen Einfluss ausüben können, sollte man sich Gedanken über eine bessere Vermittlung von Medienkompetenzen bei Älteren, Jüngeren und bildungsfernen Gruppen machen.
    Daher fordern die Piraten auch ein “Internet”ministerium.

    Außerdem geht es in erster Linie um den Erhalt unserer Bürgerrechte. Niemand wehrt sich gegen eine Verfolgung von Straftätern. Man darf allerdings die Gewaltenteilung und die Unschuldsvermutung nicht aufgrund fiktiver Gründe über Bord werfen.
    Der Bürger braucht die Möglichkeit Einspruch gegen einen Justizirrtum zu erheben, ohne diese ist der Bürger dem Staat schutzlos ausgeliefert.

    Weiterhin ermöglichen digitale Organisationsformen eine nie gekannte Basisdemokratie. Alle stehen sich als gleiche gegenüber- keine Herkunft, kein Aussehen, keine Religion… sind auf Anhieb sichtbar. Neue Chancen für eine vorurteilsfreie Gesellschaft. Dafür muss man aber wenigstens lesen und schreiben können…

    Ihr kennt das Wort Freiheit auch nur von der FDP. Liberal heißt nicht zwangsläufig wirtschaftsliberal.

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