Justus Haucap

Mindestlöhne und soziale Gerechtigkeit

Justus Haucap | 19 Kommentar(e)


Spiegel Online schreibt zutreffend: “Mindestlohn wird zum Wahlkampf-Schlager“. Carta-Autor Justus Haucap hat sich bereits vor Monaten intensiv mit der Frage von Mindestlöhnen und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt. Sein Fazit: Trotz negativer Beschäftigungseffekte, kann man politisch sehr wohl für einen Mindestlohn sein.

22.09.2009 | 

Hier noch einmal die zentralen Abschnitte des Haucap-Beitrags:

Was ist grunsätzlich von gesetzlichen Mindeslöhnen zu halten?

Mindestlöhne bergen stets die Gefahr zusätzlicher Arbeitslosigkeit. Es gibt zwar einzelne Studien, die zeigen, dass dies nicht in jedem Fall so sein muss (berühmt ist insbesondere die Studie zu Burger-Flippern in den USA von Card und Krueger aus dem Jahr 1994). Die Mehrheit der Studien belegt aber, dass die Beschäftigung tendenziell zurückgeht, vor allem je höher der Mindestlohn ist.

Die negativen Beschäftigungseffekte allein bedeuten jedoch nicht, dass ein staatlicher Mindestlohn sofort zu verwerfen wäre. Politisch mag man sich ja durchaus für einen Mindestlohn entscheiden, auch wenn er zu einer höheren Arbeitslosigkeit führt. Denn dem Mehr an Arbeitslosigkeit steht ja ggf. ein zusätzliches Einkommen der Arbeitnehmer und Arbeit­nehmerinnen gegenüber, welche zum Mindestlohn beschäftigt werden und ansonsten einen geringeren Lohn bezogen hätten. Problematisch ist allerdings, dass auch letzteres keineswegs sicher ist, da zumeist staatliche Transfers entfallen, wenn das Arbeitseinkommen steigt. In diesem Fall ergibt sich höchstens ein positiver Effekt für die öffentlichen Haushalte, da die staatlichen Transferleistungen sinken. Das verfügbare Einkommen für die betroffenen Haushalte steigt dann aber kaum. Die ökonomische Literatur belegt, dass sich Armut mit einem Mindestlohn nur schwer bekämpfen lässt, weil dieser einfach nicht am Haushaltseinkommen ansetzt.

Die Abwägung zwischen mehr Arbeitslosigkeit einerseits und möglicherweise mehr Einkommen der zum Mindestlohn (weiterhin) Beschäftigten bzw. einer geringeren Belastung der öffentlichen Haushalte (aufgrund sinkender Transferleistungen) andererseits ist dann eine politische bzw. ethische Entscheidung. Aus Sicht des Finanzministers kann ein Mindestlohn deshalb jedoch sehr attraktiv sein: Er entlastet ggf. die öffentlichen Kassen aufgrund sinkender Sozialtransfers, selbst wenn er den Betroffenen kaum hilft, weil er deren Einkommen netto kaum erhöht.

Im Grunde ist jedoch der ganze Versuch verfehlt, über Mindestlöhne soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Es ist richtig, dass Markt und Wettbewerb nicht für umfassende soziale Gerechtigkeit sorgen können. Das Schaffen sozialer Gerechtigkeit ist daher eine Aufgabe des Staates. Dies kann durch Transfers geschehen oder, besser noch, durch die Schaffung gleicher Bildungschancen und ein gutes Bildungssystem. Durch das Setzen staatlicher Mindestlöhne soll nun aber gerade dem Markt eine Aufgabe übertragen werden, welche er nicht lösen kann. Unternehmen sollen Arbeitnehmern mehr zahlen als „der Markt hergibt“. Da bleibt das ungute Gefühl, der Staat versuche sich hier der Verantwortung zu entziehen, durch Bildungsmöglichkeiten, Transferzahlungen, etc. selbst für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird gewissermaßen privatisiert. Unternehmen sollen nun für soziale Gerechtigkeit sorgen, die der Staat anscheinend nicht mehr schaffen kann oder will.

Als Antwort auf die Leser-Kommentare schrieb Justus Haucap:

Ich sollte mich wohl zu einer Reihe von Kommentaren äußern, auch wenn sich kein einziger auf die Gesetzesvorhaben der Bundesregierung bezieht, sondern sich in sehr, sehr allgemeiner Natur zum Thema Mindestlohn äußern. Einige haben wohl auch Teile meines Textes überlesen.

(1) Dass Mindestlöhne Arbeitsplätze gefährden können, auch wenn das nicht in jedem Einzelfall gilt, ist (leider) das Ergebnis der allermeisten empirischen Studien. So fassen z.B. die beiden amerikanischen Arbeitsmarktökonomen David Neumark und William Wascher ihren viel beachteten Übersichtsartikel zum Thema Mindestlöhne wie folgt zusammen: “Clearly, no consensus now exists about the overall effects on low-skilled employment of an increase in the minimum wage. However, the oft-stated assertion that this recent research fails to support the traditional view that the minimum wage reduces the employment of low-skilled workers is clearly incorrect. The overwhelming majority of the studies surveyed in this paper give a relatively consistent (although not always statistically significant) indication of negative employment effects of minimum wages. In addition, among the papers we view as providing the most credible evidence, almost all point to negative employment effects.” Man mag diesen Befund sicher bedauern, aber diese Studien lassen sich nun einmal nicht einfach so als irrelevante Spinnereien beiseite wischen, nur weil einem das Ergebnis nicht gefällt.

(2) Dass ein Mindestlohn sich positiv für die öffentlichen Kassen auswirken kann, weil ggf. weniger Transfers nötig sind, steht ja auch in meinem Beitrag. Das ist dann aber ein ganz anderer Punkt und hat ja wenig mit dem Einkommen der Betroffenen zu tun. Fakt ist, dass wir in Deutschland beim so genannten Arbeitslosengeld II (eigentlich ein völlig falscher Name, die Leute arbeiten ja), ziemlich hohe “Transferentzugsraten” haben. Das heißt: Verdienen die Empfänger mehr, weil sie mehr arbeiten oder die Löhne steigen, werden ihnen die Transfers recht drastisch gekürzt. Von einer Lohnsteigerung durch einen Mindestlohn (so die Betroffenenen denn beschäftigt bleiben) kommt ziemlich wenig bei den Leuten an. Das meiste kassiert (indirekt) der Finanzminister, indem er die Transfers kürzt. Das ist zwar vielleicht auch für manche soziale Gerechtigkeit, aber doch eine eher unübliche Interpretation, würde ich sagen.

(3) Es stellt sich dann auch die prinzipielle Frage: Soll ich lieber Löhne aufstocken, wenn die Leute arbeiten, aber wenig verdienen (”also Arbeitsplätze subventionieren”), oder den Leuten lieber alles bezahlen, wenn sie arbeitslos sind? Man kann sich zwar wünschen, dass die Leute mehr für das Haareschneiden bezahlen würden, aber viele gehen dann eben doch seltener zum Frisör, schneiden ihren Kindern (und ggf. auch sich selbst) die Haare dann selbst oder organisieren das schwarz, was noch viel unsozialer ist, weil gar nicht mehr zur Finanzierung des Gemeinwesens beigetragen wird. Das gilt – so meine Einschätzung – gerade in den Regionen, in denen die Frisöre so weing verdienen, weil es eben Gegenden sind, in denen nicht gerade der Reichtum ausgebrochen ist, um das mal so vorsichtig zu formulieren. Wo die Leute mehr für den Haarschnitt zahlen (können), sind auch die Löhne im Frisörhandwerk höher. Und bei Udo Walz dürften die Frisöre vermutlich noch mehr bekommen (alleine an Trinkgeld).

(4) Natürlich können die Transfers, mit denen Löhne aufgestockt werden, auch missbraucht werden, um Löhne zu drücken, ganz klar. Dann fließen die Subbventionen indirekt dem Unternehmen zu und nicht dem eigentlich zugedachten Empfänger. Um dem vorzubeugen, kann ein allgemeiner (und nicht branchenspezifischer) moderater Mindestlohn helfen – das bestreiten nur wenige.

(5) Ein Mindestlohn ist deshalb so schlecht geeignet, sozialen Ausgleich zu schaffen, weil er gar nicht an der individuellen Situation des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin ansetzt und auch nicht ansetzen kann. Wie viele Kinder leben im Haushalt? Hat mein Partner/Partnerin auch Arbeit? Habe ich überhaupt einen Partner/Partnerin? Und so weiter. Diese Faktoren bestimmen ja, wie viel Hilfe ein Haushalt braucht, um vernünftig leben zu können. Danach kann man aber keine Löhne anpassen, ohne den Arbeitsmarkt komplett auszuhebeln.

Justus Haucap ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Gründungsdirektor des Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und Vorsitzender der Monopolkommission.

Anmerkung der Redaktion: Haucap ist nicht Botschafter der INSM, hat aber mal in einem Plakatmotiv mitgewirkt. Wir schätzen Haucap sehr als Autor und Wissenschaftler und sind von seiner Unabhängigkeit vollauf überzeugt.

Mehr zu : |

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

19 Kommentare

  1. weissgarnix |  22.09.2009 | 19:20 | permalink  

    @Herr Professor der Volkswirtschaftslehre

    >Was ist grunsätzlich von gesetzlichen Mindeslöhnen zu halten?
    >Mindestlöhne bergen stets die Gefahr zusätzlicher Arbeitslosigkeit.

    Wow – jetzt bin ich aber platt. Mindestlöhne bergen also “stets” die Gefahr von Arbeitslosigkeit? Das muß also dann eine Art “Naturgesetz” sein, oder? Verstehe, verstehe …

    Wissen Sie: Ich hätte ja in meiner Naivität gedacht, dass Mindestlöhne eventuell zusätzliche Einkommen sind, und damit zusätzliche Kaufkraft in einem Einkommenssegment mit hoher Konsum- und niedriger Sparneigung. Ich hätte also weiters gedacht, dass diese zusätzliche Kaufkraft in Verbindung mit der hohen Konsumneigung dazu führt, das die Konsumnachfrage sich erhöht, und damit die Geldgewinne aller Konsumgüterproduzenten. Und ich hätte ja – Mensch, wie konnte ich nur so dämlich sein? – gedacht, dass die aufgrund der erhöhten Nachfrage und der höheren Gewinne eventuell sogar in ihre Fabriken investieren, und damit die aggregierte Investitionsnachfrage anregen. Weil der Fehler, dem ich dabei aufgesessen wäre, ganz klar, der hätte ja darin bestanden, dass ich der jüngsten Gewinnsituation der Produzenten für die Bestimmung ihrer Zukunftserwartungen ein hohes Gewicht eingeräumt hätte. Mensch, da muß ich doch jetzt auch glatt drüber lachen, über diese Annahme. Weil ich hätte daraus ja vielleicht sogar geschlußfolgert, dass sich aus einer solchen Konstellation sowas wie ein “Aufschwung” ergeben könnte. Gott, was bin ich nur für ein Doofie. Danke, Herr Professor, dass Sie mir das klargemacht haben. Ich bin geheilt! Ich kann wieder sehen!

    @Carta-Redaktion

    >Anmerkung der Redaktion: Haucap ist nicht Botschafter der INSM, hat aber mal in einem Plakatmotiv mitgewirkt. Wir schätzen Haucap sehr als Autor und Wissenschaftler und sind von seiner Unabhängigkeit vollauf überzeugt.

    Ich schätze Herrn Professor auch – ja, wirklich! – jetzt, nachdem er mir die Augen geöffnet hat. Dass er so toll erklären kann, das hätte ich aus den Beiträgen, die er unter dieser Adresse geschrieben hat (http://www.insm-oekonomenblog.de/?s=haucap) ja nie erahnt. Danke, dass Ihr mich aufgeklärt habt.

  2. xconroy |  22.09.2009 | 19:54 | permalink  

    Aus Fairness- wie auch aus Glaubwürdigkeitsgründen wäre es zu begrüßen, wenn Carta auch einen Experten zu Wort kommen läßt, der eine gegenteilige Meinung zu Herrn Haucap vertritt. Insbesondere für die Leser wäre das von Vorteil, da diese sich bei Kenntnis beider/aller relevanten Positionen besser eine eigene Meinung bilden können und selber abwägen, wer in welchen Punkten richtig liegt oder nicht.

  3. Harald |  22.09.2009 | 20:08 | permalink  

    Es gibt eine Grenze, wo es nicht mehr um eine politische, soziale, wirtschaftliche oder ethische Entscheidung geht, wo der Lohn schlicht unrecht ist. Und an dieser Schwelle muss der Staat eingreifen! Keinen allgemeinen Mindestlohn ist Unrecht.

  4. Robin Meyer-Lucht |  22.09.2009 | 20:14 | permalink  

    @ xconroy: Guter Hinweis. Ich kümmere mich morgen einen entsprechenden Text. Idee und Vorschläge, wen man fragen sollte?

  5. weissgarnix |  22.09.2009 | 21:11 | permalink  

    Heiner Flassbeck scheint mir die einzig akzeptable Wahl.

  6. Tim |  22.09.2009 | 23:57 | permalink  

    Bitte dann auch gleich einen gesetzlichen Mindestumsatz für Unternehmen einführen.

  7. Tarantoga |  23.09.2009 | 01:11 | permalink  

    Statistische Untersuchungen zu solchen Fragen haben immer das Problem, dass man nie weiß welche, Nebenfaktoren eine Rolle spielen. Vor 2 Jahren hätte wahrscheinlich jede US-Investmentbank jede Menge wunderschöne Untersuchungen mit verschiedenen Methoden vorlegen können, dass die Hauspreise niemals über einige Zeit in allen Bundesstaaten gleichzeitig fallen können.
    Das grundlegende Problem des Arbeitsmarktes ist, dass es kein Markt ist. Wenn der Erwerbswillige keinen Job hat, bekommt er Probleme. Das ist so, als müsste man in einem Supermarkt mit einem sehr begrenzten Angebot einkaufen und man hätte nicht die Wahl zu gehen ohne etwas gekauft zu haben. Ich glaube nicht, dass es in so einem Supermarkt nach irgendeiner ökonomischen Theorie faire Preise geben würde.
    Früher wurde das Problem teilweise durch Gewerkschaften ausgeglichen, aber diese Welt gibt es wohl nicht mehr. Im Grunde ist das ein klassischer Fall, wo ein staatlicher Eingriff in den Markt geboten wäre, jedenfalls in einem Staat, dessen Funktion nicht allein die Maximierung kurzfristiger Gewinnmöglichkeiten für Unternehmen ist.

  8. Tim |  23.09.2009 | 09:08 | permalink  

    @ Tarantoga / 7

    Der Arbeitsmarkt ist schon jetzt ein Markt, der staatlich sehr eng reguliert ist, zumindest in Deutschland. Die Frage ist nun, wie der Arbeitsmarkt auf eine weitere Regulierung reagieren würden, nämlich eben einen allgemeinen Mindestlohn.

  9. insAEkt |  23.09.2009 | 15:56 | permalink  

    @Autor: Ich würde mir trotzdem eine Stellungnahme zu den Nachfrageeffekten eines Mindestlohns wünschen – das kam sowohl in dem Artikel als auch in ihren Kommentaren zu den Kommentaren meines erachtens zu kurz. Schließlich könnte man auch argumentieren:
    <Wo die Leute mehr für den Haarschnitt zahlen (können), sind auch die Löhne im <Frisörhandwerk höher.
    Das könnte ja auch heißen, dass da, wo ein Mindestlohn greift, dieser sich bald selbst obsolet macht. Das wär ja schön leicht und angenehm besonders für die Orte, wo bisher(?) “nicht gerade der Reichtum ausgebrochen ist”.

    @Tim /8: Man kann sich sehr gut darüber streiten, ob es sich bei dem Arbeitsmarkt um einen Markt handelt wie auch darüber, was ein Markt überhaupt ist. Wenn man es sich aber als Markt vorstellen müsste, dann darf dieser nur besonders reguliert sein – denn menschliche Arbeitskraft ist keine Ware und, wie Tarantoga zu Recht betont, kann der Arbeitsmarkt auch kaum als idealtypischer ‘selbstregulierender’ Markt betrachtet werden.

  10. pescobar |  23.09.2009 | 16:48 | permalink  

    @Justus Haucap:
    I. zu “(2) Das heißt: Verdienen die Empfänger mehr, weil sie mehr arbeiten oder die Löhne steigen, werden ihnen die Transfers recht drastisch gekürzt. Von einer Lohnsteigerung durch einen Mindestlohn (so die Betroffenenen denn beschäftigt bleiben) kommt ziemlich wenig bei den Leuten an. Das meiste kassiert (indirekt) der Finanzminister, indem er die Transfers kürzt. Das ist zwar vielleicht auch für manche soziale Gerechtigkeit, aber doch eine eher unübliche Interpretation, würde ich sagen.”
    oder auch “Er entlastet ggf. die öffentlichen Kassen aufgrund sinkender Sozialtransfers, selbst wenn er den Betroffenen kaum hilft, weil er deren Einkommen netto kaum erhöht.”
    Sehr, sehr scheinheillige Interpretation Ihrerseits.
    Diese Argumentation pervertiert den Sachverhalt vollkommen. Es gibt sozusagen schon einen “Mindestlohn”, weil der Staat die Differenz zur Grundsicherung zahlt?
    Das meiste soll auch der “Finanzminister” kassieren, dann muss er auch nicht zusätzliche Aufstockung zahlen!
    Fällt Ihnen der Unterschied auf?
    Und das ist nicht ein anderer Punkt, wie Sie behaupten. _Das_ ist der Hauptpunkt! Mit dem Geld kann man andere sinnvolle arbeitsmarktpolitische Massnahmen durchführen (zB ALG I verlängern). Und das ist dann auch ein Beitrag zur “sozialen Gerechtigkeit”.

    II. zu (3): Klar, Deutschlands Niedriglohnbereich besteht zu 90% aus Friseuren.
    Wenn das Geld nicht reicht, dann werden die Gebäude/Küchen/etc halt einmal pro Monat gereinigt. Und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es in diesem Bereich kein Kündigungspotential mehr gibt. Mittlerweile machen schon eine Mindestanzahl an Arbeitnehmer, die pro Person maximal mögliche Arbeit.
    Wen soll man noch kündigen?

    III. “(4) Natürlich können die Transfers, mit denen Löhne aufgestockt werden, auch missbraucht werden, um Löhne zu drücken, ganz klar. Dann fließen die Subbventionen indirekt dem Unternehmen zu und nicht dem eigentlich zugedachten Empfänger. ”
    Huh, welch Erkenntnis!
    Hatten wir die letzten 5 Jahre nicht ein “Jobwunder”?
    Wie ist es wohl Zustande gekommen? Es ist kein “Missbrauch”, es ist Konsens!
    Siehe auch ersten Punkt.

    IV. zu “(5) Ein Mindestlohn ist deshalb so schlecht geeignet, sozialen Ausgleich zu schaffen..”
    Primär soll er dies auch nicht. Das unterstellen Sie in Ihrem ganzen Beitrag. Es geht nicht um einen ominösen “sozialen Ausgleich”! Es geht schlicht und einfach um eine gewisse Entlastung öffentlicher Kassen und dadurch der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber, die mittlerweile an sehr vielen Stellen (Senkung der Körperschaftssteuer oder Umsatzsteuerbefreiung beim Export, etc) bevorzugt worden sind.
    Und das auch durch eine gesamtwirtschaftliche Wirkung, wie sie Weissgarnix salopp erklärt hat.
    Übrigens heissen diese auch _Mindest_löhne und nicht Einheitslöhne. Nach oben kann ruhig mehr gezahlt werden.
    Dies ist auch das Unsinnige an dem Argument, dass durch Mindestlöhne die Arbeitnehmer mit einem jetzigen vergleichbaren Lohnniveau benachteiligt werden.
    “Diese Faktoren bestimmen ja, wie viel Hilfe ein Haushalt braucht, um vernünftig leben zu können.” Sie sehen eine Mindestlohnforderung als Hilfe an? Siehe wieder ersten Punkt.
    “Danach kann man aber keine Löhne anpassen, ohne den Arbeitsmarkt komplett auszuhebeln.” Der Arbeitsmarkt ist komplett ausgehebelt! Da gebe ich Tarantoga (Beitrag #7) recht.

    @Tim #8:
    “Der Arbeitsmarkt ist schon jetzt ein Markt, der staatlich sehr eng reguliert ist, zumindest in Deutschland. Die Frage ist nun, wie der Arbeitsmarkt auf eine weitere Regulierung reagieren würden, nämlich eben einen allgemeinen Mindestlohn.”
    Das ist ein übler Irrglaube.
    Es gibt einen zweiten verdeckten Arbeitsmarkt, der Arbeitspotential eben aus dem Niedriglohnbereich schöpft. Dieser – eben _unregulierte_ – Arbeitsmarkt ist grösser als man denkt. Und durch das “Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt” wird auch eine Verfügbarkeit dieses Arbeitspotentials garantiert. Da sehe ich keine wirkliche Regulierung, auch wenn das immer und gerne behauptet wird. Als “Mini-Jobber” oder “Aufstocker” hat man keine wirklich wahrnehmbaren Arbeitsrechte (Kündigungsschutz oder andere Sicherheitsansprüche).

  11. Tim |  23.09.2009 | 18:22 | permalink  

    @ insAEkt, pescobar

    Aus meiner Sicht besteht das Problem vor allem darin, daß der Staat oft in ganz naiver Weise mit idealem Verhalten seiner Bürger rechnet, wenn er neue Regulierungen erläßt. Man legt einen Mindestlohn fest und glaubt, daß man damit für die Betroffenen einen Mindestlohn durchgesetzt hat. Das wird aber leider nur in einem Teil der Fälle gelingen.

    Das Thema Schwarzarbeit ist bereits angesprochen worden, besonders schmierige Arbeitgeber werden andere Finten anwenden, um den Mindestlohn auszuhebeln (bekanntes Beispiel: obligatorische Überstunden, die nicht aufgeschrieben werden). In anderen Fällen wird einfach entlassen, wenn sich die Beschäftigung nicht mehr lohnt (siehe etwa Gastronomie).

    Wahrscheinlich sind alle hier der Meinung, daß wir die Teilhabe am Wohlstand erhöhen müssen, aber warum ausgerechnet ein Mindestlohn dazu geeignet sein soll, ist nicht einzusehen.

    Natürlich ist aber so ein Mindestlohn ein knackiges Wahlkampfthema, zu dem ein gestandener Klassenkämpfer einfach nicht Nein sagen kann.

  12. pescobar |  23.09.2009 | 19:56 | permalink  

    @tim:
    Vieles ist aber heute schon der Fall, zB wer bekommt schon Überstunden genau abgerechnet, oder überhaupt (gerade im “verdeckten Arbeitsmarkt”, der gerne übersehen wird – siehe Ende letzter Kommentar).
    “In anderen Fällen wird einfach entlassen, wenn sich die Beschäftigung nicht mehr lohnt (siehe etwa Gastronomie).”
    __
    Gerade diese Argumentation verstehe ich nicht.
    Was heisst “wenn die Beschäftigung sich nicht mehr lohnt”?
    Mit dieser Argumentation entsteht der Eindruck, als ob viele Firmen Billigjobs fast “aus sozialen Gründen” anbieten, so dass Leute mit wenig Bildung und dadurch entstehender “Arbeitmarktgefügigkeit” zumindest etwas zu arbeiten haben. Im Falle eines Mindestlohns würden gerade diese Jobs wegfallen und dann wären diese Leute ganz ohne Arbeit und ohne Perspektive darauf.
    Aber das ist totaler Blödsinn!
    Firmen arbeiten doch jetzt auch wirtschaftlich, das heisst, dass sie ein Minimum an Arbeitskraft beschäftigen – und eben zu einem (sehr) geringen Lohn. Die Arbeit ist eben da und muss gemacht werden.
    Und gerade die Gastronomie/Hotellerie ist ein Paradebeispiel dafür. Da sind unbezahlte Überstunden Usus. Da gibt’s vielleicht mal eine Tag Ausgang, aber nicht mehr.

    Und die Schwarzarbeit? Die Frage dabei ist eben, ob jemand der weiss, dass er auf den regulären Arbeitsmarkt mindestens den Mindestlohn bekommt, dann schwarz für weniger arbeiten würde. Was wegfällt, sind Lohnkosten etc., aber dass auch zum Nachteil des Arbeitnehmers. Also die Gefahr eines parallelen Schwarzarbeitsmarktes sehe ich persönlich nicht. Zumindest ist die Gefahr nicht so gross, dass sie wirklich gegen ein Mindestlohn spricht – sie ist genau so gross wie jetzt auch.

    “.. aber warum ausgerechnet ein Mindestlohn dazu geeignet sein soll, ist nicht einzusehen.”
    __
    Naja, der Mindestlohn ist nicht aller Fragen Antwort. Aber der Mindestlohn hat mehrere interessante Effekte (auch für den Staat) : Der erste auf der Seite des Arbeitgebers, dass er sich nicht auf den Staat als Zuzahler verlassen darf (Haucap: “Die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird gewissermaßen privatisiert.” WTF – wofür sind denn Firmen da???) und für den Arbeitnehmer, der dann merkt, dass Arbeit tatsächlich einen für ihn ökonomischen Sinn hat, eben der berühmte Satz: “Von der Arbeit soll man leben können” (das hat mit Moral, Ethik, schwarzer Magie nichts, aber auch nichts zu tun!), und dann eine gewisse Entlastung des Staates.
    Klar nur alleine mit dem Mindestlohn wird das alles nicht zu erreichen sein. Man sollte auch andere Arbeitsmarktänderungen durchsetzen (Verlängerung ALG I zum Beispiel), aber der Mindestlohn ist zumindest ein Anfang.

  13. Thomas |  23.09.2009 | 20:18 | permalink  

    Das Argument, dass Mindestlöhne die Gefahr zusätzlicher Arbeitslosigkeit bergen finde ich etwas banal. Schließlich kann man das auch weiter denken: Löhne überhaupt bergen die Gefahr von Arbeitslosigkeit. Würden die Unternehmen ihren Arbeitnehmern nichts zahlen müssen, könnten sie noch viel mehr Leute anstellen, im Prinzip sogar alle.

    Die entscheidende Frage ist ja die nach der Qualität des gebotenen Arbeitsplatzes. Und ein extrem niedrig entlohnter Arbeitsplatz ist ein schlechter, der zusätzliche staatliche Transferleistungen erfordert, selbst wenn gearbeitet wird oder der eben kaum zu (über)leben reicht. Das ist, wie Harald sagt, schlichtweg Unrecht.

    Und die ersten Arbeitsplätze die Mindestlöhne vernichten übrigens, sind die, die auf Geschäftsmodellen aufbauen, die ohne minimalste Löhne gar nicht rentabel wären, oder anders gesagt: moderne Sklaverei. Keiner wird diesen Arbeitsplätzen nachweinen.

    Damit ein Mindestlohn aber Sinn macht, und das stimmt auch, muss er entsprechend hoch bemessen sein. Die 7,50 Euro für die die Gewerkschaften werben sind viel zu wenig.

  14. pescobar |  23.09.2009 | 20:24 | permalink  

    @Thomas:
    “Würden die Unternehmen ihren Arbeitnehmern nichts zahlen müssen, könnten sie noch viel mehr Leute anstellen, im Prinzip sogar alle.”
    Würden sie das?
    Wer soll denn den Kram dann kaufen, den sie produzieren ;)?

  15. Harald |  23.09.2009 | 22:33 | permalink  

    Dass wir jetzt über Mindestlöhne diskutieren liegt wohl auch an den Regelungen bzw. Nicht-Regelungen im ALG II. Beim Recherchen im Internet finde ich nicht darüber, dass Jobs mit ab einer Lohnuntergrenze abgelehnt werden dürfen.

  16. pescobar |  23.09.2009 | 23:10 | permalink  

    @Harald
    Das ist doch der Sinn bei Hartz4. Es hat ja auch nicht umsonst diesen Namen: “Viertes Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt”
    Das sind eben “moderne Dienstleistungen”….

  17. Stephan |  24.09.2009 | 10:03 | permalink  

    Mit Studien ist das so eine Sache, es kommt auf die Datenbasis an, auf die statistischen Feinheiten etc… Das Ergebnis einer Studie wird immer so sein, wie es der Auftraggeber wünscht. Nachdem der “Kapitalist”, wie schon Marx richtig festgestellt hat, den Wunsch hat, seinen Arbeitern weniger und weniger Lohn zu zahlen, wird er allerdings irgendwann feststellen, dass es niemanden mehr gibt, der ihm seine Waren abkaufen kann.
    Normalerweise sollte ein Unternehmer unternehmerisch denken. Was nützt z.B. einem VW der Verkauf von Phaetons an eine begrenzte Käuferschicht, wenn die Masse keinen Polo mehr kaufen kann?
    Wozu also das Gerede um Mindestlohn, der Arbeitsplätze vernichtet? Wenn ein Gastronom seine Mitarbeiter entläßt, weil ihm der Lohn zu teuer wird, was hat er dann noch von seinem Unternehmen? Wird er weiterhin Geld verdienen können? Als Imbissbude vielleicht – solange, bis er mal in Urlaub fährt oder krank wird.
    “Arbeitgeberanteil” – noch so eine Wortverschleierungshülse, die dem Arbeitnehmer einreden soll, dass der Arbeitgeber für ihn Leistungen abführen muss. Wer erwirtschaftet diese denn? Nicht der Unternehmer, soviel steht fest.
    Wenn ein Mindestlohn eingeführt wird, dann werden sicher einige Unternehmer über die Klinge springen – oder sollte man “moderne Sklavenhalter” dazu sagen? Andere werden feststellen, dass plötzlich mehr Ware gekauft werden kann, weil mehr Geld an mehr Menschen verteilt wird und nicht viel Geld sich bei wenigen sammelt.
    Ein Blick über den Tellerrand der Studien in Länder mit Mindestlohn sollte uns zeigen, dass wir nicht auf die INSM, sondern auf den gesunden Menschenverstand hören sollten.

  18. Löhne - Blog - 22 Sep 2009 |  24.09.2009 | 16:17 | permalink  

    [...] Mindeslöhne und soziale Gerechtigkeit — CARTA [...]

  19. SOZIALE GERECHTIGKEIT – Linkliste | social monitoring |  26.11.2010 | 16:01 | permalink  

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.