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Thomas Straubhaar

Das Machbare möglich machen: Was eine neue Bundesregierung tun müsste

Thomas Straubhaar | 19 Kommentar(e)


Deutschland leidet unter den kostspieligen Folgen der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Die Wirtschaft wächst zwar wieder, aber nur langsam. Die wichtigsten Herausforderungen der kommenden Legislaturperiode sind Beschäftigung und Staatsverschuldung.

21.09.2009 | 

1. Die Ausgangslage

Die Fakten sprechen eine klare Sprache. Die neue Bundesregierung steht vor großen Aufgaben. Deutschland leidet unter den kostspieligen Folgen der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Die Wirtschaft wächst zwar wieder, aber nur langsam. Das Bruttoinlandprodukt dürfte nach einem Minus von rund fünf Prozent in diesem Jahr in 2010 bestenfalls um ein Prozent, realistischerweise aber eher schwächer wachsen. Das ist zu wenig, um die beiden wichtigsten Herausforderungen der kommenden Legislatur zu bewältigen: Beschäftigung und Staatsverschuldung.

Selbst wenn die Konjunktur ihren Tiefstpunkt mittlerweile hinter sich haben dürfte, wird der Beschäftigungsabbau noch bis zum nächsten Frühling weitergehen. Zunächst schleichend und tropfenweise verschwinden hier und dort einzelne Jobs. Auslaufende Verträge werden nicht verlängert, Zeitarbeitsverhältnisse nicht erneuert. Freiwillig ausscheidende und in Ruhestand oder Elternschaft gehende Mitarbeiterinnen werden nicht ersetzt. Kurzarbeit ist von rund 200.000 Betroffenen im Vorjahr im Juni 2009 auf gut 1,4 Millionen hoch geschnellt. Noch aber hat die Wirtschaftskrise die Maße der Bevölkerung nur am Rande getroffen.

Das wird sich im kommenden Winterhalbjahr ändern. Weitere Firmenpleiten werden folgen. Wenn neben der schwachen Konjunktur und den strukturellen Problemen einzelner Branchen noch der saisonale Beschäftigungsrückgang wirken werden, wird die Arbeitslosigkeit stark nach oben gehen und deutlich jenseits der vier Millionengrenze liegen. Das wird nicht nur die Stimmung trüben. Es wird auch das ohnehin bereits drängende Verschuldungsproblem der öffentlichen Haushalte noch einmal verschärfen. Denn eine steigende Arbeitslosigkeit bedeutet für den Staat höhere Sozialausgaben und geringere Steuereinnahmen.

Die große Koalition hinterlässt der Nachfolgeregierung nicht nur rekordhohe Staatsdefizite. Sie hat auch eine Schuldendynamik ins Rollen gebracht, die noch während Jahren die staatlichen Handlungsspielräume begrenzen wird. In den fünf Jahren von 2009 bis 2013 dürfte die Nettoneuverschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden insgesamt mehrere hundert Milliarden Euro betragen. Die Staatsschuld wird damit auf über 2 Billionen Euro steigen. Sie steigt von 66% des Bruttoinlandproduktes im letzten Jahr auf weit mehr als 70% in diesem und auf gegen 80% im nächsten Jahr. Das wird auch die Schuldzinsen nach oben treiben. Heute bereits belaufen sich die jährlichen Zinslasten von Bund, Ländern und Gemeinden auf insgesamt rund 67 Milliarden Euro. Das sind immerhin jeden Tag mehr als 180.000 Euro. Wie viele Kindergartenplätze, kostenlose Schulmahlzeiten und Ganztagesschulen ließen sich davon finanzieren?

2. Agenda 2020: keine Aussicht auf Erfolg

Angesichts der Dramatik der Wirtschaftskrise und ihren Folgen würde man von einer neuen Bundesregierung eine Agenda 2020 erwarten, die nachhaltige Wege zu mehr Wachstum, damit zu mehr Beschäftigung und weniger Schulden weist. Eine Agenda 2020 müsste darauf gerichtet sein, Beschäftigungshindernisse zu beseitigen, dynamische Wachstumsimpulse zu stimulieren und Veränderungskräfte zu entfesseln. Sie sollte Innovationen fördern, Investitionen anregen sowie Forschung und Bildung zum zentralen Thema einer neuen Legislatur machen. Nur so ließe sich jenes nachhaltige starke Wachstum erzeugen, das auch für mehr neue Beschäftigung sorgen würde.

Weil alle wirtschaftshistorische Erfahrung eindeutig zeigt, dass Innovation und Wachstum in einem Umfeld erfolgreicher gedeihen, das auf Wettbewerb und Marktwirtschaft statt Plan- und Staatswirtschaft setzt, müsste die Agenda 2020 eine Fortschreibung der von rot-grün auf den Weg gebrachten Agenda 2010 sein. Sie wäre ein Wirtschaftsprogramm, das nach vorne gerichtet, die Strukturen tief greifend verändert, auf Eigenverantwortung basiert, das Steuersystem radikal vereinfacht, die Sozialsysteme individualisiert, den Arbeitsmarkt liberalisiert, den Kündigungsschutz durch Abfindungsregeln ersetzt, das Gesundheitssystem auf eine Kopfprämie umstellt und die Daseinsvorsorge weiter privatisiert. Die Agenda 2020 wäre die aktualisierte Neuauflage des schnörkellosen, radikalen, marktwirtschaftlich orientierten (Leipziger-)Wahlprogramms 2005 der christlichsozialen Kanzlerkandidatin Angela Merkel und damit eine sehr rasch konsensfähige Plattform für eine schwarz-gelbe Regierungskoalition.

Allein, zu einer marktorientierten Agenda 2020 wird es in keinem Falle kommen. Dafür spricht nicht nur die traumatische Erfahrung der Bundeskanzlerin mit dem Wahlergebnis von 2005. Ebenso schlechte Erinnerungen hat auch der SPD- Kanzlerkandidat gemacht, der als einer der Väter der Agenda 2010 hautnah erleben musste, wie Teile seiner eigenen Partei auf Distanz zu Reform und Veränderung gingen. Viel stärker noch als 2005 gibt es 2009 für einen marktwirtschaftlichen Kurs keine Zustimmung und schon gar keine politische Mehrheit. Das gilt selbst dann, wenn es zu einer schwarz-gelben Koalition kommen sollte. Sie wird stärker das Soziale bedienen müssen und nur am Rande das Liberale als Leitmotiv verfolgen können. Das ist die unmittelbare Konsequenz der Finanzmarktkrise und deren Folgen.

3. Kompromisse statt Konflikte

Der Zusammenbruch der Finanzmärkte und die Notwendigkeit staatlicher Rettungsprogramme haben das in Deutschland ohnehin weit verbreitete Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft weiter genährt. Zu offensichtlich ist zu oft bei zu vielen Anlegern, Aktionären und Vorständen der schnelle Gewinn zur moralischen Triebfeder geworden, hat kurzfristige Gier das Handeln bestimmt und ist auf der Strecke geblieben, was sich nur langfristig bezahlt macht. Das Vertrauen in das freie Spiel der Marktkräfte, in die schöpferische, wenn auch zerstörerische Entdeckungskraft des Wettbewerbs und in die moralische Integrität von Managern und Aufsichtsbehörden ist für lange Zeit in Frage gestellt worden. Die breite Öffentlichkeit ist der festen Überzeugung, dass die in den letzten Jahren von Regulierungen befreiten Märkte wieder an staatliche Fesseln zu ketten seien. Es gehe um eine Zähmung des Kasino-Kapitalismus und eine „Zivilisierung“ der Finanzmärkte.

Das zum Allgemeingut der politischen Diskussion verkommene Banker-Bashing oder die von vielen akzeptierte und von manchen mit Schadenfreude gebilligte Geiselhaft von Vorständen sind nur die Spitze eines Eisbergs, der veranschaulicht, wie frostig das Klima zwischen „oben“ und „unten“ geworden ist und wie Frustration, Neid, Ohnmacht und Angst unter der Oberfläche weitere und zunehmende soziale Spannungen erzeugen. In dieser auffrischenden Kältezeit wider den Kapitalismus muss jede marktwirtschaftliche Maximalforderung Schiffbruch erleiden, die nicht zumindest gleich- wenn nicht sogar vorrangig die sozial gefühlte Gerechtigkeit mit berücksichtigt. Eine Agenda 2020 passt in einem solchen Umfeld nicht in die sozioökonomische Landschaft. Für eine neue Bundesregierung kann es deshalb nur darum gehen, das Vertrauen in eine durch Eigenverantwortung und Selbstbestimmung geprägte Marktwirtschaft zurückzugewinnen. Sie darf nicht polarisieren. Sie sollte nach Kompromissen statt Konflikten suchen.

4. Sanierung der Staatshaushalte

Akzeptiert man die nüchterne, mehr pragmatische und weniger ideologische Ausgangslage, dann ist es offenbar schlicht nicht die Zeit der großen wirtschaftspolitischen Zukunftsagenden. Für eine neue Bundesregierung kann es somit lediglich darum gehen, möglichst breite Konsens-Plattformen zu verankern, die einerseits ökonomisch zumindest in die richtige Richtung gehen und andererseits auch den in der breiten Öffentlichkeit tiefverankerten Wunsch nach Gleichheit nicht ignorieren. Weil sich bekanntlich alles ums Geld dreht und alle wirtschaftspolitischen Weichenstellungen von der Finanzierung abhängig sind, stehen somit die öffentlichen Haushalte im Zentrum.

Wie sollen die ausufernde Staatsverschuldung eingedämmt sowie Staatsausgaben und Staatseinnahmen in ein Gleichgewicht gebracht werden, um enorme Belastungen für kommende Generationen zu verringern und politische Handlungsspielräume zurückzugewinnen? Die Theorie ist einfach, die Praxis jedoch ist viel schwieriger.

Erstens könnten die Staatsausgaben resolut gekürzt werden. Was ökonomisch durchaus sinnvoll wäre, ist politisch nur begrenzt durchsetzbar.

Zweitens müssten die Steuereinnahmen erhöht werden. Wer aber in einer so starken Rezession wie heute die Steuersätze anhebt, wird weniger und nicht mehr Steuereinnahmen ernten. Es ist und bleibt eine tragische Illusion zu glauben, Steuererhöhungen würden der Königsweg sein, um den Staatshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Eher ist das Gegenteil möglich: Höhere individuelle Steuerbelastungen fördern vielfältige Formen legaler Steuerumgehung und auch die illegale Steuerflucht. Sie schwächen die private Kaufkraft und führen zu Konsum- sowie Investitionszurückhaltung. Gerade in Zeiten der Unsicherheit braucht es mehr und nicht weniger Geld in den Taschen der Bevölkerung – und zwar bei Arbeitnehmer(inne)n wie auch bei Selbständigen und Unternehmer(inne)n.

Drittens besteht der schönste Weg des Schuldenabbaus in einer raschen Rückkehr auf einen steilen Wachstumspfad. Es kann dann gelingen, aus der Staatsverschuldung herauszuwachsen. Boomt die Wirtschaft, sprudeln die Steuereinnahmen. Sozialleistungen und Subventionen können zurückgefahren werden. Für die kurze Frist ist die Hoffnung auf ein starkes Wachstum jedoch wenig realistisch. Viertens schließlich sind hohe Inflationsraten kurzfristig der einfachste Weg, Staatsschulden zu beseitigen. Das politisch so süße Gift ist langfristig jedoch ein zu teuerer Weg des Schuldenabbaus. Zudem wird die Geldpolitik in Frankfurt für den Euroraum insgesamt bestimmt und nicht in Berlin von der Bundesregierung.

5. Eine große Steuerreform hat höchste Priorität

Werden die vier Wege aus der Schuldenmisere gebündelt und das ökonomisch Wünschbare dem politische Machbaren gegenüber gestellt, wird klar, dass sich die dramatische Überschuldung der öffentlichen Haushalte nicht durch eine kosmetische Drehung an einzelnen Stellschrauben korrigieren lässt. Es wird nicht ohne eine ganz grundlegende Steuerreform gehen, die am besten gleich zu Beginn auf den Weg zu bringen ist. Sie muss gleichermaßen Beschäftigungs- wie Wachstumsziele verfolgen und die Gerechtigkeitsgefühle nicht aus dem Auge verlieren. Zudem muss sie kompromissfähig sein für eine wie auch immer zusammengesetzte Koalition von zwei oder mehreren Parteien. Eine Steuerreform, die sich von der Grundidee leiten lässt, dass es um Vereinfachung, Verbreiterung der Steuerbasis und Verringerung der individuellen Steuerbelastung geht, erfüllt genau diese Forderungen. Sie soll weg von direkten und hin zu indirekten Steuern sowie weg von abgaben- und hin zu steuerfinanzierten Sozialsystemen. Damit erlaubt sie Konsens im Grundsatz und Kompromisse bei der quantitativen Festlegung von Steuerfreibetrag, Eingangs- und Spitzensteuersätzen.

Der erste Schritt: von direkten zu indirekten Steuern

Der erste Schritt einer großen Steuerreform sollte auf eine Abkehr von direkten Einkommens- oder Unternehmenssteuern und eine Hinwendung zu indirekten Steuern, also insbesondere zu Mehrwert- und Verbrauchssteuern ausgerichtet sein. Dadurch wird die hiesige Wertschöpfung steuerlich entlastet. Das macht deutsche Güter und Dienstleistungen im In- wie auch im Ausland billiger und damit international wettbewerbsfähiger. Positive Wachstums- und Beschäftigungseffekte sind die Folge. Sie spülen automatisch mehr Steuereinnahmen in die öffentlichen Kassen.

Zur Abkehr von direkten Einkommenssteuern gehören eine Anhebung des Steuerfreibetrags pro Kopf, die Abschaffung der kalten Progression und ein Übergang zu einem Stufenmodell mit drei unterschiedlichen Steuersätzen: einem tiefen Steuersatz für Geringverdiener, einem mittleren für mittlere und einem hohen für höhere Einkommensgruppen. Wie hoch die Steuersätze in der Praxis konkret sein und für welche Einkommensgruppen sie genau gelten sollen, müsste das Ergebnis der zu führenden Koalitionsverhandlungen sein. Dabei ist selbstredend offensichtlich, dass die Festlegung davon abhängig ist, welche Aufgaben dem Staat übertragen werden, wie weit die Umverteilung gehen und welches Volumen die Staatsaufgaben demzufolge haben sollen.

Die Regel ist einfach: je mehr vom Staat erwartet wird, desto höher muss die Steuerbelastung werden. Und das wiederum muss mit den Wachstums- und Beschäftigungseffekten abgewogen werden, die mit einer direkten Besteuerung verbunden sind: je höher die steuerliche Belastung der Einkommen, desto unattraktiver wird es, gering entlöhnte Arbeit anzunehmen und desto größer ist die Versuchung, von staatlicher Unterstützung – vielleicht noch gepaart mit Einkünften aus Schwarzarbeit – zu leben. Dazu kommt, dass bei einer zu starken individuellen Steuerlast Besserverdienende und Unternehmenssitze innerhalb des europäischen Binnenmarktes in jene Länder ausweichen können, die direkte Steuersätze senken und Gewinne überhaupt nicht mehr oder nur sehr gering besteuern.

Richtig ist, dass eine Hinwendung zu höheren Mehrwertsteuersätzen sozialpolitisch blind ist. Sie trifft alle gleich und nimmt keine Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Die Mehrwertsteuer besteuert, wer konsumiert. Sie wirkt regressiv. Weil Ärmere einen relativ größeren Teil ihres Einkommens zum Kauf von Gütern des täglichen Verbrauchs ausgeben müssen als gut Verdienende oder Reiche, ist die Mehrwertsteuer ungerecht. Die Mehrwertsteuer auf Babywindeln ist für die Professorenfamilie kaum spürbar. Für die alleinerziehende, arbeitslose Mutter ist sie eine zusätzliche Last. Also beginnt der Staat einzelne Konsumgüter von der Mehrwertsteuer teils oder vollständig zu befreien. Mieten, Dienstleistungen von Ärzten und Krankenhäusern, Ausgaben für Theater-, Konzert- und Museumsbesuche sind Mehrwertsteuer frei. Für Nahrungsmittel, Personennahverkehr, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und nicht in Flaschen verkauftes Wasser gilt ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz von 7%. So gut so recht.

Was aber gut gemeint ist, muss noch nicht gut gemacht sein. Wie oft wohl die alleinerziehende, arbeitslose Mutter im Stadttheater oder bei den Bayreuther Festspielen in der Loge sitzt? Ob wohl Katzenfutter wirklich ein zu subventionierendes Nahrungsmittel ist? Sollen wirklich alle Freizeit-, Computer- und Regenbogen-Zeitschriften steuerlich begünstigt werden? Von der Befreiung oder dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz profitiert die Professorenfamilie eben genauso wie die alleinerziehende arbeitslose Mutter. Wäre es da nicht klüger, alle den vollen Mehrwertsteuersatz entrichten zu lassen und dafür den sozial Schwächeren als Kompensation direkt mehr Geld in Form höherer Transferzahlungen zu geben oder höhere Steuerfreibeträge pro Kopf der Familie festzuschreiben? Dann könnten sich alle selber lieb sein, wofür genau sie ihr Geld ausgeben.

Daraus folgt eines klar: Die sozialpolitische Blindheit der Mehrwertsteuer muss durch gezielte direkte Hilfen an einkommensschwache Haushalte korrigiert werden. Höhere Freibeträge pro Kopf bei den direkten Steuern sind eine zielgenaue Entlastung, die genau jenen besonders hilft, die durch die Mehrwertsteuer besonders belastet werden. Wer die Gerechtigkeit im Auge hat, soll den Armen und Schwachen der Gesellschaft direkt helfen. Er soll das Arbeitslosengeld anheben, für qualitativ gute und trotzdem billige Kindertagesstätten, Ganztagesschulen mit kostenlosem Mittagessen und qualifizierter Aufgabenhilfe sorgen, den Arbeitsmarkt flexibilisieren, so dass viele Menschen möglichst rasch eine Beschäftigung finden. Sozialhilfe bis hin zu einem Bürgergeld für alle wirkt dort am stärksten, wo die Not am größten ist. Sie sind ökonomisch die besseren Antworten, als der Versuch, mit einer tiefen oder gar einer ermäßigten Mehrwertsteuer Sozialpolitik betreiben zu wollen.

Eine Anhebung der Mehrwertsteuer von heute 19% auf 25% würde vieles teurer machen. Die Konsumlust würde geringer. Deshalb darf diese Maßnahme nicht isoliert getroffen werden. Sonst ist sie für die noch schwache Konjunktur das reine Gift. Sie kann nur bei gleichzeitiger Entlastung bei den direkten Steuern erfolgen. Eine Mehrwertsteuererhöhung um sechs Prozentpunkte würde erlauben, die direkten Steuern und Abgaben zu senken. Noch einmal: der sozialen Ausgewogenheit wegen spricht nichts dagegen, die direkten Transfers an die Ärmsten zu erhöhen und die Steuerfreibeträge nach oben zu setzen.

Die Verschiebung von der direkten zur indirekten Steuererhebung ist kein Nullsummenspiel. Der erhöhte Mehrwertsteuersatz verlangt keinen bürokratischen Zusatzaufwand. Vollzug und Erhebung sind relativ einfach zu handhaben und relativ schwer zu umgehen. Die Mehrwertsteuererhöhung hat keinen Einfluss auf die Exportpreise. Sie wird auch von allen Touristen mitgetragen. Vor allem aber wird es für viele Deutsche und vielleicht sogar auch für den einen oder anderen Ausländer attraktiver werden, den Steuersitz in Deutschland zu haben. Die Devise für ein neues, einfaches, transparentes, gerechtes Steuermodell für Deutschland muss also heißen hoch mit den Mehrwertsteuersätzen, runter mit den direkten Steuersätzen, weg mit den indirekten Hilfen, Subventionen und Privilegien dafür hin zu direkten Unterstützungszahlungen an all jene, die wirklich Hilfe nötig haben.

Der zweite Schritt: Lohnnebenkostensenkung

Der zweite Eckpfeiler einer großen Steuerreform müsste den seit Anfang der 1990er Jahre bereits eingeschlagenen Pfad beschleunigt weiter beschreiten und konsequent eine weitergehende Abkehr von einer Finanzierung der Sozialversicherungssysteme über Lohnnebenkosten hin zu einer Steuerfinanzierung anstreben. Denn heute wird jede Arbeitsstunde mit zusätzlichen Abgaben von fast 40% in Form der Lohnnebenkosten belastet. Die Lohnnebenkosten verteuern einseitig Arbeit, so dass selbst dort Automaten eingesetzt werden, wo Menschen genau so gut die Aufgaben erledigen könnten. Kein Wunder, wird automatisiert und werden teure Arbeitskräfte durch billigere Maschinen ersetzt. Kein Wunder, ist für viele Tätigkeit die Schwarzarbeit attraktiv. Kein Wunder, werden arbeitsintensive Produktionsprozesse ins Ausland verlagert.

Ausgerechnet der Faktor Arbeit trägt über die Lohnnebenkosten die Hauptlast der Alters-, der Kranken- und der Pflegeversicherung. Die Abgaben für die Sozialversicherungen sind eine Beschäftigungsbremse – vor allem im Bereich der gering qualifizierten Tätigkeiten. Sie wirken wie eine Strafsteuer auf Arbeit. Sie treiben einen Keil zwischen Brutto- und Nettoeinkommen. Der Keil hat sich in den 1990er Jahren gewaltig verbreitert – nicht zuletzt, weil die deutsche Wiedervereinigung in hohem Masse über die Sozialversicherungssysteme finanziert worden ist.

Wenn brutto und netto derart stark auseinander klaffen, steigen die Anreize zu Schattenwirtschaft und sinken die Abstände zwischen dem was am Ende eines Monats durch harte Arbeit übrig bleibt und dem, was vom Sozialamt ausbezahlt wird. Gerade im Niedriglohnbereich nimmt so die Bereitschaft ab, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen. Zu oft ist die Kombination von Arbeitslosengeld und Schwarzarbeit attraktiver als ein reguläres Beschäftigungsverhältnis.

Alles was hilft, die Lohnnebenkosten zu senken, hilft der legalen Beschäftigung. Jeder Prozentpunkt weniger bedeutet, Arbeit billiger und damit wettbewerbsfähiger zu machen – nicht nur gegenüber den Konkurrenten im Ausland, sondern auch gegenüber den Maschinen in Deutschland. Eine Senkung der Lohnnebenkosten muss also zuoberst auf der wirtschaftspolitischen Agenda einer neuen Bundesregierung stehen. Kapitaleinkommen, Zinserträge, Mieteinnahmen und eben auch die Mehrwertsteuereinnahmen sollen einen höheren Beitrag zur Finanzierung der Sozialversicherungen leisten, was sie übrigens de facto in steigendem Ausmaße auch bereits längstens tun, weil die Defizite der Sozialversicherungssysteme zunehmend aus dem Staatshaushalt finanziert werden.

Der dritte Schritt: Mindestsicherung statt Mindestlohn

Eine pragmatische, konsensorientierte Steuerreform müsste drittens die sozialpolitische Forderung nach Mindestlöhnen durch die Gewährung einer Mindestsicherung aufgreifen. Es gibt bestens bekannte, mehrfach erläuterte und immer wieder vorgetragene gute ökonomische Gründe, die schlüssig und überzeugend gegen Mindestlöhne sprechen. Aber offensichtlich sind die politischen Entscheidungsträger nicht willens, sich die klugen ökonomischen Argumente zu Eigen zu machen. Scheinbar überwiegt bei Ihnen die Überzeugung, dass sich mit einer Position für den Mindestlohn mehr Wählerstimmen gewinnen lassen als mit einer Position gegen den Mindestlohn. Und ebenso offensichtlich liegen sie mit dieser Einschätzung in der politischen Wirklichkeit nicht daneben.

Eine überragende Mehrheit der Deutschen plädiert bei Meinungsumfragen für und nicht gegen Mindestlöhne. Die Angst, durch Arbeit nicht genug für die Finanzierung des Lebensunterhalts verdienen zu können, belastet viele Deutsche. Selbst jene, die gut verdienen, sind sich nicht so recht im Klaren, wie lange sie sich ihres Jobs noch sicher sein können. Also schielen auch sie insgeheim auf Mindestlöhne, um im Falle eines Falles nicht ins Bodenlose zu fallen. Gegenüber diesen Sorgen helfen gute ökonomische Hinweise auf die beschäftigungszerstörenden Wirkungen von Mindestlöhnen offenbar wenig.

Wenn es nicht so sehr eine Frage der ökonomischen Rationalität, sondern viel eher eine Frage des polit- ökonomischen Spannungsfeldes ist, das politische Entscheidungsträger für und nicht gegen Mindestlöhne stimmen lässt, kann die Antwort nicht die Forderung nach einer first- best-Lösung (also einem Verzicht auf Mindestlöhne) liegen, sondern in der Suche nach second-best-Lösungen. Eine offensichtliche Second-Best-Lösung wäre die Akzeptanz eines Mindestlohnes auf geringem Niveau. Sie dürfte auf erheblichen politischen Widerstand stoßen.

Eine andere Second-Best- Lösung besteht darin, den politischen Fokus weg von einem Mindestlohn und hin zu einer Mindestsicherung zu verlagern. Wer diesen zweiten Weg einschlägt, begibt sich auf die Diskussionsebene, die im weitesten Sinne mit der Forderung nach einem Grundeinkommen endet. Dabei ist das Grundeinkommen nichts anderes als ein Steuerfreibetrag in Höhe des Existenzminimums – so wie er bereits heute in Deutschland allen gewährt werden muss.

Die Forderung nach einem Grundeinkommen als Mindestsicherung für alle ist ein pragmatischer Kompromiss. Er schlägt der polit-ökonomischen Bewegung für einen Mindestlohn das Argument aus der Hand, ein Mindestlohn sei erforderlich, um „arm durch Arbeit“ zu verhindern. Wer sicher ist, dass ein Misserfolg nicht zu einem bodenlosen Fall in Not und Armut führt, wird mehr wagen. Wer weiß, dass, was immer auch geschieht, das Existenzminimum gesichert ist, wird kommende Herausforderungen eher als Chance und weniger als Bedrohung bewerten und rascher zu unverzichtbaren Veränderungen bereit sein.

Die Versicherungsökonomie zeigt überzeugend, dass eine individuelle Mindestsicherung positive gesamtwirtschaftliche Effekte auslöst. Hierin liegt die Rechtfertigung für Pflichtversicherungen, beispielsweise einer Kfz-Haftpflichtversicherung oder einer Kranken- und Unfallversicherung. Hierin liegen auch gute ökonomische Gründe für eine staatliche Sozialpolitik, die dem Ziel dient, allen Staatsangehörigen das Existenzminimum zu sichern. Dafür sprechen auch Erkenntnisse aus der Sozialökonomie, die zeigen, dass in einem Land, in dem die Verteilung der Einkommen als einigermaßen gerecht empfunden wird, das wirtschaftliche Wachstum stärker ist.

Festzulegen ist eine Mindestsicherung für alle – wie sie faktisch in Deutschland natürlich durch das Arbeitslosengeld II und die Sozialhilfe für nicht Erwerbsfähige bereits besteht. Und hier zeigt sich, wie kompromissfähig die Idee einer Mindestsicherung gerade für Koalitionen ist, die mehrere Parteien in die Regierungsverantwortung einbinden müssen. Haben sich die Parteien einmal auf die Grundsatzentscheidung für ein Grundeinkommen geeinigt, ist die Festlegung der Höhe eine Frage der politischen Präferenzen. Dabei gilt ein äusserst einfacher ökonomischer Zusammenhang: Ein hohes Grundeinkommen bedingt hohe Steuersätze, ein niedriges Grundeinkommen ermöglicht tiefe Steuersätze. Hohes Grundeinkommen und hohe Steuersätze verringern den Anreiz zu arbeiten, tiefes Grundeinkommen und tiefe Steuersätze verstärken den Anreiz zu arbeiten. Je höher der Anreiz zu arbeiten, um so einfacher wird das Grundeinkommen zu finanzieren sein, je geringer die Arbeitsanreize, um so weniger wird das Grundeinkommen finanzierbar sein.

Es mag sein, dass sich Parteien, um die Gunst des Publikums zu gewinnen, darin überbieten, das bedingungslose Grundeinkommen zu erhöhen. Das ist doch aber heute auch schon nicht anders, wenn es beispielsweise darum geht, das Existenzminimum zu definieren oder die Höhe der Sozialleistungen und Renten festzulegen. Die Auseinandersetzung mit normativ völlig unterschiedlichen Standpunkten gehört nun einmal zu einer Demokratie. Hier hilft nicht Gegenpolemik, sondern Aufklärung.

Es gilt, der Bevölkerung zu offenbaren, welche ökonomischen Folgen mit welcher politischen Wahlentscheidung verbunden sind, und welche Rückwirkungen sich daraus auf das individuelle Verhalten ergeben. Gerade aus direkt-demokratischen Entscheidungsprozessen, beispielsweise in der Schweiz, weiss man, dass sich Menschen von Populisten dann nicht verführen lassen, wenn ihnen klar gemacht wird, dass mit steigenden Ansprüchen an den Staat auch die Steuern und Abgaben angehoben werden müssen und es unklug ist, den Bogen der individuellen Steuer- und Abgabenbelastung so zu überspannen, dass er letztlich bricht. Wieso sollte es nicht auch in Deutschland einer neuen Bundesregierung möglich sein, der Bevölkerung diese einfache Logik zu vermitteln?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Reihe Policy Papers des HWWI.

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19 Kommentare

  1. weissgarnix |  21.09.2009 | 15:39 | permalink  

    @Straubhaar

    >Viel stärker noch als 2005 gibt es 2009 für einen marktwirtschaftlichen Kurs keine Zustimmung und schon gar keine politische Mehrheit.

    Es gibt dafür vor allem keine ökonomische Logik.

    >Gegenüber diesen Sorgen helfen gute ökonomische Hinweise auf die beschäftigungszerstörenden Wirkungen von Mindestlöhnen offenbar wenig.

    Welche da wären?

    >Zu offensichtlich ist zu oft bei zu vielen Anlegern, Aktionären und Vorständen der schnelle Gewinn zur moralischen Triebfeder geworden, hat kurzfristige Gier das Handeln bestimmt und ist auf der Strecke geblieben, was sich nur langfristig bezahlt macht.

    Langfristig sind wir alle tot – Keynes wußte, was Ihr Liberallalas nie kapieren werdet. Frage an Mises, Hayek, Popper, Dahrendorf und Straubhaar: Warum ist Kant komischerweise nie zuhause, wenn man ihn am nötigsten braucht?

    >Die breite Öffentlichkeit ist der festen Überzeugung, dass die in den letzten Jahren von Regulierungen befreiten Märkte wieder an staatliche Fesseln zu ketten seien.

    Und nicht nur die: der eine oder andere Ökonomie-Nobelpreisträger offenbar auch.

    >Erstens könnten die Staatsausgaben resolut gekürzt werden. Was ökonomisch durchaus sinnvoll wäre, ist politisch nur begrenzt durchsetzbar.

    Das wäre auch ökonomisch nicht sinnvoll – außer man ist ein absolutes Blau-Auge, das die Volkswirtschaft als Input-Output-Modell denkt. Staatsausgaben kürzen, heißt Einkommen kürzen. Ohne wenn und aber. Warum schreiben Sie das nicht dazu?

    >Drittens besteht der schönste Weg des Schuldenabbaus in einer raschen Rückkehr auf einen steilen Wachstumspfad. [...] Für die kurze Frist ist die Hoffnung auf ein starkes Wachstum jedoch wenig realistisch.

    Da kann ich allerdings mal ausnahmsweise uneingeschränkt zustimmen.

    >dass sich die dramatische Überschuldung der öffentlichen Haushalte nicht durch eine kosmetische Drehung an einzelnen Stellschrauben korrigieren lässt.

    Bitte nicht unpräzise werden: Es handelt sich um “Verschuldung” und nicht “Überschuldung”. Die mag hoch sein, sogar sehr hoch – dennoch ist sie keine Überschuldung. Es besteht hoffentlich Einigkeit, dass das ein terminus technicus ausschliesslich für Kapitalgesellschaften ist.

    >Der erste Schritt: von direkten zu indirekten Steuern

    Es spricht ein Lobbyist der Exportindustrie

    Den ganzen Rest ihres Pamphlets konnte ich leider nicht mehr ertragen.

    @Carta: Ihr braucht Euch um Internet-Manifeste und derlei Dingen wahrlich keine Gedanken zu machen, wenn ihr so einen platten Mainstream-Nonsense auf Eurer Plattform bringt. Derlei Liberal-Gequatsche kann ich bei der FAZ oder der Welt im Dutzend lesen, dafür bedarf es wirklich keiner Internet-Communities. Und kommt mir bitte nicht mit “Debatte” – das hier ist reine Ideologie, sonst gar nichts.

  2. Robin Meyer-Lucht |  21.09.2009 | 15:51 | permalink  

    @ Weissgarnix: Für einen marktwirtschaftlichen Kurs gibt es “keine ökonomische Logik”? Nicht euer ernst.

    So unausgewogen und platt mainstreaming ist der Text gar nicht. Die Ausführungen zu Mindestlohn und Grundeinkommen sind durchaus spannend. Immerhim ist der Autor klar für ein Grundeinkommen.

    Wir haben den Text hier veröffentlicht, um ihn zur Diskussion zu stellen – und da er über den Tag hinausdenkt.

    Die Texte über Investionsprogramme lesen wir dann wieder bei Euch.

  3. weissgarnix |  21.09.2009 | 16:09 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht

    >Nicht euer ernst.

    Warum? Wo steht geschrieben, dass von hier aus der beste Kurs eine weitergehende Liberalisierung wäre?

    >Immerhim ist der Autor klar für ein Grundeinkommen.

    Natürlich ist er das – weil es die Frage der finanziellen Auskömmlichkeit von Arbeitsverhältnissen endgültig von der Industrie auf die Allgemeinheit abwälzt.

  4. Robin Meyer-Lucht |  21.09.2009 | 16:28 | permalink  

    @weissgarnix:

    > Warum? Wo steht geschrieben, dass von hier aus der beste Kurs eine weitergehende Liberalisierung wäre?

    War nicht eben noch die Rede von einer “ökonomischen Logik”, die für nichtmarktwirtschaftliche Lösungen spräche?

    > Natürlich ist er das – weil es die Frage der finanziellen Auskömmlichkeit von Arbeitsverhältnissen endgültig von der Industrie auf die Allgemeinheit abwälzt.

    Warum sollten eigentlich nicht grundsätzlich alle Auftraggeber für die “finanzielle Auskömmlichkeit” von Vertragsverhältnissen verantwortlich sein?

    Das hätte dann aber natürlich auch wieder schwer kalkulierbare Rückkopplungseffekte auf die finanzielle Auskömmlichkeit im Allgemeinen.

  5. 2phunkey4u |  21.09.2009 | 18:15 | permalink  

    Fragt doch mal Heiner Flassbeck oder Joseph Stiglitz, ob sie nicht den Text kommentieren möchten – das wär mal interessant. Ich finde ihn zwar auch nicht ganz einseitig, aber auch nicht wirklich ausgewogen: zu viel “Man weiß doch, das…” und “Schnell wieder Wachstum…”, dass ist doch einiges an Beschwörung drinne.

  6. ebertus |  21.09.2009 | 18:28 | permalink  

    Also bei Straubhaar fällt mir immer der Heli-Ben ein. Die Umverteilung frisst Ihre zunehmend prekären Kinder, aber das darf man ja als eher neoliberaler Lautsprecher nicht so sagen; nicht mal denken. Und wer mehr Vermögen besitzt als meine Wenigkeit, der konsolidiert jetzt auch schon mal, braucht selten einen zweiten Steinway oder den dritten X5 etc. hat die Verwandtschaft, soweit er sie denn leiden mag, bereits mit allem Existenznotwendigen auf hohem Niveau versorgt, sucht ansonsten nach “schönen” Anlagemöglichkeiten, möchte das virtuelle Spielgeld mit wenigstens 25 Prozent Rendite pro Jahr zu vermehren.

    Ergo: Eine immer größere Zahl der Menschen versammelt sich auf der Basisebene dieser allseits bekannten Bedürfnispyramide, will bzw. muss wenigstens “basishaft” existieren. Also, nicht Geld oder bunte Glasperlen vom Helicopter abwerfen sondern sofort und ohne Streueffekte konsumwirksam z.B. H4 erhöhen, Mindestlohn einführen, “denen” das Spielgeld und auch noch etwas vom “Echten” wegnehmen. Sonst wird das nichts, ausser das mit der dann notwendigen BW im Inneren.

  7. Tarantoga |  21.09.2009 | 18:34 | permalink  

    @weissgarnix: Danke für Deine Kritik. Ich dachte auch sofort, da hat aber jemand alle Debatten des letzten Jahres verpennt.
    Allerdings wird der Beitrag nach hinten tatsächlich besser.

  8. Thomas |  21.09.2009 | 18:44 | permalink  

    Der Autor benutzt häufig Formulierungen, die betonen sollen, dass etwas nun einmal, unumstößlich so sei, wie dann behauptet, die Belege dafür werden allerdings kaum geliefert:

    “Die Fakten sprechen eine klare Sprache”

    “Weil alle wirtschaftshistorische Erfahrung eindeutig zeigt, dass Innovation und Wachstum in einem Umfeld erfolgreicher gedeihen, das auf Wettbewerb und Marktwirtschaft statt Plan- und Staatswirtschaft setzt”

    “Es gibt bestens bekannte, mehrfach erläuterte und immer wieder vorgetragene gute ökonomische Gründe, die schlüssig und überzeugend gegen Mindestlöhne sprechen”

    Ob das alles so klar ist, eindeutig gezeigt wurde oder bestens bekannt, steht auf einem anderen Blatt. Auch für das genaue Gegenteil der Politik, gar für eine Planwirtschaft gibt es sicherlich genauso gute Gründe. Eine Ökonomie, die 500 Milliarden staatliche Sicherheitspakete braucht, kann darüber hinaus nicht sonderlich stabil sein.

    Geradezu enttäuscht wird dann etwa in punkto Mindestlöhnen festgestellt, dass sich die Mehrheit der Deutschen offensichtlich nicht von der Brillianz der Argumente, die für eine neoliberale Politik, genannt Neue Soziale Marktwirtschaft sprechen, nicht überzeugen lässt:

    “Eine überragende Mehrheit der Deutschen plädiert bei Meinungsumfragen für und nicht gegen Mindestlöhne”

    Da frage ich micht, etwas provokant, wann die Forderung aufgestellt wird, das Wahlrecht diesen Dummköpfen zu entziehen. Schließlich bedeutet es nichts anderes, als das, wenn sich die Mehrheit dafür ausspricht: solche Mindestlöhne eben auch demokratisch legitimiert wären, ganz unabhängig davon, ob es Modelle gäbe, die den Profit der Unternehmen und das Wirtschaftswachstum mehr steigern, ohne die Arbeitnehmer zumindest verhungern oder erfrieren zu lassen (Mindesteinkommen, vermutlich mit Bedingungen).

    Darüber hinaus würde ich gerne wissen, ob die Carta-Leser hier gerne solche Pamphlete der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft lesen wollen. Für Lobbyismus finden sich reichlich andere Seiten.

    Denn das Argument, man könne es ja zur Diskussion stellen, gilt natürlich nicht, denn der Autor sagt ja direkt, wie oben angeführt: es ist ja alles bekannt, bestens untersucht und allgemeiner Konsens. Wozu da noch diskutieren?

  9. Tarantoga |  21.09.2009 | 18:47 | permalink  

    ..bis auf den Teil gegen den Mindestlohn, der ist Quatsch.

  10. Thomas |  21.09.2009 | 18:56 | permalink  

    “Darüber hinaus würde ich gerne wissen, ob die Carta-Leser hier gerne solche Pamphlete der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft lesen wollen.”

    Ich glaube, das schränke ich doch noch ein. Der Text macht schließlich sehr authentisch deutlich, was uns unter der wahrscheinlichen schwarz-gelben Bundesregierung blühen könnte.

  11. erz |  21.09.2009 | 19:34 | permalink  

    Zum Glück gibt es noch journalistische Formate mit Transparenzanspruch. Transparenz ist ja das neue Schwarz, wie man so hört. Ich glaube es war eine Plattform mit dem Anspruch, die Debattierkultur zu fördern, die in aufklärerischem Maße ihre Beiträge taggte. Tags, das sind diese Meta-Informationen zu Artikeln im Internetz, die eine bessere Einordnung erlauben. “INSM” ist so ein Tag. Dazu findet sich bei dieser Seite folgendes: Kai Schächtele und Marvin Oppong. Sonst äußert sich bei Carta ja niemand über INSM. Zumindest seit dem 3. 9. nicht mehr, will mir scheinen.

    Ohne Scheiß jetzt, mieser Stil!

  12. Robin Meyer-Lucht |  21.09.2009 | 19:46 | permalink  

    @ Thomas: Straubhaar argumentiert differenzierter – den Wunsch der Wähler nach einer Grundsicherung nimmt er der doch gerade auf …

    Dass nicht auch die SPD die Mehrwertsteuer erhöhen wird, würde ich nicht ausschliessen wollen… Also nicht nur schwarz-gelbe Soße….

  13. Robin Meyer-Lucht |  21.09.2009 | 20:00 | permalink  

    @ erz: Zuviel INSM-Verwörtungstheorie ist auch nicht gut. Straubhaar hat das Papier für sein Institut geschrieben. Dass er sich für die INSM als Botschafter einspannen lässt, halte ich für ungeschickt – wie ich auch das gesamte Botschafter-Konzept der INSM für komplett ungeschickt halte. Die INSM ist eine der peinlichsten PR-Organisationen in diesem Land.
    Carta hat nie mit der INSM zusammengearbeitet und wird dies nie tun. Wir haben mit denen noch nicht einmal telefoniert. nada, nichts, gar nichts.

    Vielleicht rufen wir da aber mal demnächst an, um sie zu fragen, ob ihnen eigentlich klar wie sehr sie gescheitert sind.

  14. Thomas |  21.09.2009 | 20:36 | permalink  

    “Dass nicht auch die SPD die Mehrwertsteuer erhöhen wird, würde ich nicht ausschliessen wollen… Also nicht nur schwarz-gelbe Soße….”

    Die Erhöhung von Verbrauchssteuern ist ja auch keine typisch neoliberale Forderung, daher ist das für mich auch nicht typisch schwarz-gelb und wurde gar nicht in mein Urteil einbezogen. Dieser Punkt fällt tatsächlich etwas heraus. Denn das ist etwas, was ich durchaus vernünftig halte.

    Das hat aber natürlich etwas mit dem Wandel des Sozialstaates zu tun. Um mal jetzt ironischerweise mit Straubhaars Rhetorik zu sprechen: Es ist allgemein bekannt, dass lohnarbeitszentrierte Sozialpolitik nicht mehr zeitgemäß ist und das schon seit mindestens 20 Jahren, da immer weniger Arbeitsverhältnisse dem Normalarbeitsverhältnis entsprechen. Darüber gibt es zahlreiche und unumstrittene Literatur ;)

    Es stimmt also aus zwei wichtigen Gründen, dass man den Sozialstaat über Steuern finanzieren sollte und nicht über Sozialabgaben, die an Arbeit gekoppelt sind. Erstens, weil es wie beschrieben gar nicht mehr funktioniert und zweitens um den Sozialstaat unabhängiger vom Faktor Arbeit also wirtschaftlichen Schwankungen, Globalisierung zu machen. Grundprämisse ist dabei allerdings, dass der Sozialstaat gut und richtig und nicht überdimensioniert ist. Aus neoliberaler Sicht scheint mir die Forderung eher dazu zu taugen, um Arbeit einfach billiger zu machen.

  15. erz |  21.09.2009 | 21:05 | permalink  

    Ich rede hier keinen Verschwörungstheorien das Wort, sondern tue schlicht meine Enttäuschung kund. Der Autor ist Botschafter der INSM. Davon findet sich erst ein Hinweis, wenn man auf seine Autorenseite schaut. Mir ist dabei sogar gleichgültig, inwiefern er dieser Organisation das Wort redet (ich halte den Text nebenbei auch für wenig “debattenorientiert”) – maßgeblich finde ich, dass Carta kein Wort zur Einordnung dieses Autoren und seiner recht deutlich ideologisch motivierten Aussage verliert. Das tut er selbst auch nicht. Der Botschafter, der ja gar nichts dafür kann, dass die INSM mit seinem guten Namen hausieren geht. Oder das Carta seine Texte trotzdem gerne veröffentlichen möchte.

    Und sich darauf zurückzuziehen, man habe nie mit seinem Hauptquartier telefoniert halte ich, gemessen an den von Carta gerne so hoch formulierten Ansprüchen an Journalismus, für ein wenig mehr als nur naiv.

  16. pescobar |  22.09.2009 | 00:31 | permalink  

    @Thomas
    “…und zweitens um den Sozialstaat unabhängiger vom Faktor Arbeit also wirtschaftlichen Schwankungen..”
    Das ist der grösste Scheiss, den ich gelesen habe!
    Woher sollen denn die wegfallenden (indirekten) Steuereinnahmen im Falle geringer Löhne kommen, wenn die direkten Steuern nicht nur für Arbeitnehmer und Lohnnebenkosten für Arbeitnehmer zurückgefahren werden?
    Das macht doch den “Sozialstaat” erst recht von wirtschaftlichen Schwankungen abhängig. Von der einseitigen Belastung ganz zu schweigen! Wer bezahlt denn die Hälfte der Nebenkosten? Nicht der Staat.
    @Lucht
    “Vielleicht rufen wir da aber mal demnächst an, um sie zu fragen, ob ihnen eigentlich klar wie sehr sie gescheitert sind.”
    Besser nicht! Sonst entdeckt die INSM so etwas wie Subtilität. Andererseits so unwirksam ist ihre “Propaganda” auch nicht. Sie werden oft und gerne in über der Hälfte der allgemeinen Medien als “vertrauenswürdig” ziziert.

  17. Martin J. Landis |  22.09.2009 | 01:16 | permalink  

    Die Agenda 2010 hat Deutschland in der Tat wettbewerbsfähiger gemacht. Lohnverzicht und Leiharbeit, Mehrarbeit und weniger Fehltage, Leistungsdruck und Existenzängste haben dafür gesorgt, dass deutsche Exportwaren – zusammengeschraubt und veredelt aus der weltweiten Vorproduktionskette – den Weltmarkt dominiert haben. Die europäische Konkurrenz ächzt unter dem Druck, dem sie nicht standhalten kann. Deindustrialisierung und die Degradierung zur Zulieferindustrie der deutschen Dominatoren waren die logische Konsequenz.
    Osteuropa versinkt in Schulden und Stagnation. Westeuropa folgt auf dem Fuß.

    Man könnte fragen, war es das wert? Flossen die hart erkauften Überschüsse und Gewinne in die Kassen der deutschen Sozial- und Rentensysteme, das gebeutelte Bildungssystem oder in den nachhaltigen Schuldenabbau? Eine rhetorische Frage, mittlerweile geniert sich ja auch der deutsche Finanzminister nicht davor, zuzugeben, dass sie fast ausnahmslos auf verschlungenen Bonipfaden in den amerikanischen Schuldensauger und das globale Pyramidenspiel der Aktienmärkte gerieten. Letzteres sorgte dann sogar in der nüchternen Ex-Deutschland-AG dafür, dass aberwitzige Firmenübernahmephantasien gesponnen wurden. Die Überschüsse flossen jedenfalls nicht in echte Reallohngewinne und messbare Inflationskompensationen der Mittelschicht, die diesen Erfolg zähneknirschend durch verzichtsgetriebene Produktivitätssteigerungen erst ermöglicht hat. Sie hatte ja praktisch keine andere Wahl. An der Werkbank nebenan schielte ja bis neulich der flexibilisierte Arbeitsmarkt in Form des farblich streng von der Stammbelegschaft getrennten Leiharbeiters auf den begehrten Arbeitsplatz und das doppelte Einkommen. Hinzu kommen zahllose bereits zu Beginn ihrer Lebensarbeitszeit von Abstiegsängsten geplagte Berufseinsteiger und ein mehr oder weniger arbeitswilliges Heer von staatlich subventionierten Aufstockern und unbezahlten Praktikanten, das sich um die zahlreichen schlecht bezahlten Jobs drängelt, nur um der Hartz-IV-Repressionsmaschinerie zu entgehen und damit ganz nebenbei Geschäftsmodelle möglich macht, die der Markt per se nicht erlaubt.

    Wird es die Demographie richten? Immerhin wurden die Agenda-Reformen ja tatsächlich zu einem einzigen Primärzweck geschaffen: Deutschlands Unterschicht für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen, wenn die Babyboomer in wenigen Jahren abtreten. Wer konnte ahnen, dass die immensen Produktivitätssteigerungen der letzten Jahre und ein historischer Einbruch der globalen Nachfrage das verschärfte Fitnessprogramm praktisch obsolet machen würden.

    Was bleibt noch unter dem Strich? Vergessen wir nicht die angesprochene Privatisierung und Verschiebung von Lebensrisiken auf den durch ein mediales Trommelfeuer von Rentenphobien geplagten Arbeitnehmer. Die sorgten in den letzten fünf Jahren dafür, dass das gefräßige, finanzwirtschaftliche Perpetuum Mobile auch aus diesen Rinnsalen mit Nachschub versorgt wurde, um die Illusion einer Kapitalmarktrendite aufrechtzuerhalten. Am Ende wäre das Ponzi-Schema des amerikanischen Schuldenkonsums und seiner europäischen Juniorpartner dann aber doch fast komplett zusammengebrochen, wenn die Staaten der Welt nicht die Zukunft ihrer Bürger entschädigungslos enteignet hätten.

    Eigentlich ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um in dieser Situation “Jetzt erst recht!” zu rufen. Vermutlich konnte Straubhaar nicht anders, immerhin ist er angestellter Propagandist – Verzeihung “Aufklärer” – des INSM und fürchtet um seinen Arbeitsplatz und das Abrutschen in wesentlich prekärere Verhältnisse.

    Eine Agenda 2020 wird es vermutlich dennoch geben. Das Drama muss jetzt – wie so oft zuvor – bis zum bitteren Ende ausgespielt werden. Bevor die letzte Blase platzt, bleibt noch genug Zeit für jede Menge liberale Idologie. Vor allem wenn sie mit angedrohten Steuersenkungen verwoben wird.

  18. donotlisten |  28.09.2009 | 13:58 | permalink  

    Eigentlich mag dieses Magazin sehr gerne, aber bei diesem Artikel muss ich mich wieder fragen, woher der Autor sein scheinbar nur minimales volkswirtschaftliches Wissen hat?
    Alternativ:
    den ersten Teil hat jemand anders geschrieben als der zweite Teil?

    Am amüsantesten ist (wie so oft in derartigen polemischen Schriften) der Kommentar, dass “mehr für Bildung gemacht werden muss” um (wieder) Wachstum zu erzielen:
    Entweder kann der Autor nicht rechnen – oder mein Taschenrechner ist kaputt.

    Nehmen wir an, wir qualifizieren alle aktuell Arbeitslosen (nicht ALG2!) weiter; wir schicken Sie alle an die Uni auf Staatskosten; all diese Leute (wahrscheinlich 2mio+x) kommen raus als Doktoren, promovierte Juristen, Ingenieure, Mediziner, Manager, Biologen, Chemiker.
    Weiter nehmen wir an, wir machen das gleiche mit allen Langzeitarbeitslosen (==ALG2), ca. 2mio +x, auch die kommen aus der Uni als promovierte Fachleute, Topknowhow-Träger, allen voran mit dem Ziel, den Ingenieursmangel zu beseitigen und endlich mehr Ärzte in den Kliniken zu sehen.
    Das gleiche machen wir nochmal mit allen langzeitarbeitslosen Migranten (wiederum ca. 2mio +x), die nicht der deutschen Sprache mächtig sind – auch die werden alle zu Knowhowleadern qualifiziert.

    NUR: wo zum Teufel sollen all diese HOCHQUALIFIZIERTEN Leute bitte schön arbeiten? Es gibt schlicht nicht genügend Arbeitsplätze – da kann die Politik die Leute noch so hoch qualifizieren.
    Und (nicht nur) hier zeigt sich der Mangel an volkswirtschaftlichem Basiswissen des Autors.

    Und überlegt mal weiter: wenn wir alle Leute extremhoch qualifizieren – wer steht dann noch am Band und schraubt eure durch Staatshilfe geretteten Opel-KFZ zusammen?

    MfG

  19. cheerio |  29.09.2009 | 23:46 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht:

    Versuchen Sie das Ganze doch mal aus Sicht eines Lesers zu sehen: So ein Text, ohne die allgemein üblichen Konetxtinformationen, ohne redaktionellen Kommentar, ein Tag nach diesem Wahlausgang und dann noch ihre lieblos vorgetragenen Verteidigungsversuche… da hat ja die Wirtschaftswoche noch mehr Glaubwürdigkeit.

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