Ursula Weidenfeld | 6 Kommentar(e)
Englische Ökonomen haben über die Krise nachgedacht und einen offenen Brief die Königin geschrieben. Jetzt ist eine “Nie-wieder”-Konferenz geplant.
07.09.2009 |
Folgenden – hier ein bisschen gekürzten und zugegebenermaßen flapsig wiedergegebenen – Brief (Original als PDF) haben die mächtigsten Ökonomen des Vereinigten Königreichs Ende Juli an Königin Elisabeth II geschrieben:
Majestät,
bei unserem Zusammentreffen im vergangenen November haben Sie gefragt, warum niemand die Krise vorhergesehen hat. Nun, wir haben am 17. Juni eine Konferenz dazu abgehalten. Mit diesem Schreiben übermitteln wir Ihnen die Ergebnisse.
Ehrlich gesagt, viele haben die Krise kommen sehen. Wir wussten halt nur nicht, wann genau sie kommt und wie heftig sie ausfällt. Es reicht aber nicht, eine Krise kommen zu sehen. Das „wann“ ist entscheidend bei der Vorhersage. Gewarnt haben viele, darunter auch die britische Notenbank. Das Risikomanagement wurde immer wichtiger. Es wurden sogar in vielen Bereichen noch extra Risikomanager eingestellt. Wir haben übersehen, dass man auch jemanden braucht, der die Summe aller Risiken einschätzt.
Dazu kamen die globalen Ungleichgewichte. Der Aufstieg Chinas und Indiens und das Anhäufen von Sparguthaben in den aufstrebenden Nationen machte unseren Import billiger. Und er sorgte dafür, dass ihr Leistungsbilanzüberschuss billige Zinsen und nur mäßige Ertragsaussichten auf mittel- und langfristige Anlagen eröffnete. Man suchte höhere Renditen – und damit höhere Risiken. Das war der Kern des Immobilienbooms in den USA und in England.
Auch hier haben viele gewarnt. Aber gegen die Mahner standen die vielen, die glaubten, dass die Banken schon wissen, was sie tun. Die herrschende Meinung war, dass die Besten der Besten im Finanzgewerbe versammelt waren, und dass die sich wohl kaum kollektiv irren könnten.
Viele haben geglaubt, dass sich die Finanzmärkte in ihrem Charakter geändert haben – und da ja auch außerhalb des Finanzsektors alle profitierten, Politiker, Haushalte, Konsumenten – war es leicht zu glauben, man sei nun in einer neuen, modernen, wachsenden Welt angekommen.
Diejenigen, die es hätten besser wissen müssen, haben nichts getan. Sie haben es nicht gewagt, die Bowleschüssel vom Tisch zu räumen, als die Party in vollem Gang war. Alle fanden, dass Blasen sich besser managen lassen, wenn sie platzen, anstatt sie in ihrem Entstehen zu behindern.
Was also war das Problem? Jeder hat nur seinen Job gemacht.
Die Ursache der Krise war die geballte Einbildungskraft einer Menge kluger Leute im In- und Ausland. Jetzt wollen wir dafür sorgen, dass Sie uns eine solche Frage nie wieder stellen müssen. Dazu werden wir eine „Nie-wieder-Konferenz“ abhalten. Wir werden Ihrer Majestät das Protokoll zustellen.
In Demut und Gehorsam verbleiben wir
mit freundlichen Grüßen
Bei allem Erstaunen fragt man sich zweierlei:
1. Warum haben die deutschen Spitzenökonomen noch keinen Brief an die Nation geschrieben?
2. Warum brauchen Wissenschaftler immer Konferenzen (und Geld für mehr Konferenzen) als Vorbedingung für die Bereitschaft, überhaupt gemeinsam nachzudenken?





ad 2.)
Ohne Konferenzen gäbe es keine Vorträge, ohne Vorträge gäbe es keine Deadlines, ohne Deadlines wäre nie irgendetwas fertig geworden, wahrscheinlich auch keine Analysen.
Also, ein paar Konferenzen sollten schon drin sein, oder? Es muss ja nicht gleich Schnitzel im Kanzleramt sein.
Warum sollen Ökonomen lange Briefe nach Berlin schreiben. Ob geschrieben oder gerade erlebt, in Berlin fehlt die Wahrnehmung. Frau Merkel präsidiert für den Wahlkampf. Allerdings ungeachtet der Tatsache, das wir den Präsidenten schon gewählt haben. Das fand im Mai statt.
Doch diese zeitliche Qualität, dass nämlich der Staat Island bankrott ist und dass wir weiter als Steuerzahler zur Kasse gebeten werden, unbedacht der Möglichkeit wie die Isländer demnächst dazustehn, sind Dinge an die wir vorsorglich denken sollten. Im günstigsten Fall haben die 300 000 Einwohner von Island in 20 Jahren jene Schulden bezahlt, die ihnen von abenteuerlustigen Bankiers unter Mithilfe der eigenen Regierung aufgeladen wurden. Der Staat Irland ist bankrott, denn 1000 Milliarden US-Dollar staatlicher Schulden und Verpflichtungen sind auf der grünen Insel nicht alleine finanzierbar. Jetzt sind auch die reichen Cayman Islands bankrott, wo 50 000 Einwohner von Steuerhinterziehern lebten und dem Vorzug, selbst keine Steuern bezahlen zu müssen. Es zeichnet sich ab, dass in allen drei Staaten die Steuern eingeführt oder substantiell erhöht werden müssen. Wer nicht willens ist, seinem Staat Geld zur Verfügung zu stellen, wird ihn in den Bankrott treiben. Selbst die Finanzhasadeure erkennen nicht, dass hier eventuell ein bequemer Ast abgesägt werden könnte auf dem sie selbst sehr komfortabel und gewinnträchtig sitzen. Gier frisst Hirn. Definitiv.
Zitat:
“Dazu kamen die globalen Ungleichgewichte. Der Aufstieg Chinas und Indiens und das Anhäufen von Sparguthaben in den aufstrebenden Nationen machte unseren Import billiger. Und er sorgte dafür, dass ihr Leistungsbilanzüberschuss billige Zinsen und nur mäßige Ertragsaussichten auf mittel- und langfristige Anlagen eröffnete.”
Bemerkenswert kurz und knapp. Die Binsenweisheiten von Marx bis Keynes in einem Satz verpackt. Kapital strebt nach höchster Rendite. Ökonomische und finanzwirtschaftliche Ungleichgewichte sorgten für die asymmetrischen Waren- und Kapitalströme der vergangenen Boomjahre. Geld und Waren flossen allen wirtschaftlichen Lehrbuchweisheiten zum Trotz stromauf von den Entwicklungsländern und einigen wenigen aufrechten Exportländern, wie Deutschland, hin zu den globalen Dienstleistungs- und Konsumzentren. Dank einer gigantischen Sogwirkung von Internet-, Kreditkarten-, Immobilien- und Rohstoffblasen und der dafür notwendigen Infrastruktur von Bonussystemen, Verbriefungsrevolution, Hedge-Fonds-Konstrukten und einer kontinuierlich ansteigenden Börse, die das aus allen Winkeln der Welt hereinströmende Kapital in virtuelle Gewinne verwandelte.
Die weiteren Ausführungen hätten sie dann aber auch einfacher auf den Punkt bringen können: Natürlich verläßt keiner ein Kasino, in dem jeder gewinnt. Ein Kasino, dass es erlaubt, auf Kosten der restlichen Welt zu leben, in dem die Eliten und ihr Dienstleistungsfußvolk scheinbar ohne wirkliche Anstrengung reicher werden. Wie bei jedem Pyramidenspiel sorg(t)en alle Ebenen dafür, dass die Sogwirkung anhält. Spielverderber oder Mahner wurden ausgegrenzt, gemobbt, diffamiert und in Talkshows als Verschwörungsthoretiker und Wirrköpfe entlarvt.
Hat sich daran zwischenzeitlich etwas geändert? Kurzfristig schon – auf dem Höhepunkt der Krise – der wirtschaftlichen, wohlgemerkt, nicht der Finanzkrise – brach der Warenaustausch massiv ein, die Ungleichgewichte – gefangen in einer apokalyptischen Balance – gerieten ins Wanken. Aber sie fielen nicht – bislang. Warum nicht? Die Antwort findet sich versteckt im nächsten Satz:
“Man suchte höhere Renditen – und damit höhere Risiken. Das war der Kern des Immobilienbooms in den USA und in England.”
Es wurde Ersatz für die Immobilienblase gefunden und in kürzester Zeit ein neues Pyramidenspiel mit gewissem Ausgang inszeniert: Die Staatsverschuldung.
Hier vor allem die des amerikanischen Steuerzahlers, aber auch der Britische, Niederländische und auch der Deutsche sind mittlerweile ganz gut dabei. Letzterer hat bereits zuvor alles dafür getan, dass geschätzte 2/3 seiner lebenslangen Ersparnisse von amerikanischen Banken aufgesogen, und letztlich gegen Holzhäusergettos in Vorstädten, chinesische Flachbildfernseher und Plastik-Steckblumen eingetauscht wurden. Auch solvente Kreditnehmer können diese Schulden nie zurückzahlen, selbst wenn sie wollten, die zwischengeschalteten Banken sind eigentlich pleite, amerikanische Aktien sind gefallen. Dennoch fließt das Kapital weiterhin bergauf und befüllt vorerst das schwarze Bilanzloch amerikanischer Wall-Street-Banken. Warum?
Die Amerikaner haben den letzten Trumpf gezogen, den sie noch hatten, die Staatsverschuldung und damit letztlich den Dollar als globale Leitwährung auf den Spieltisch geworfen. Und tatsächlich es funktioniert! Das Kapital sucht höhere Renditen und strömt allen Risiken zum Trotz erneut flussauf.
Praktisch erleben wir vor den Augen der Welt eine neue Verbriefungsrevolution – diesmal mit Staatsanleihen. Das Risiko ist aber jetzt weitaus höher. Der Kreditnehmer war zuvor schon pleite, auch wenn er noch einen wichtigen Trumpf besaß, der vorerst gestochen hat. Findet er in nächster Zeit keine neuen Chips, die er gegen Waren und echtes Kapital eintauschen kann, kann er das Kasino komplett dicht machen – es sei denn, er zieht den allerletzten Trumpf, über den wir aber jetzt lieber nicht nachdenken wollen.
Wenn die Ökonomen ihrer Majestät in danach den nächsten Entschuldigungbrief schreiben müssen, sollten sie zumindest die abschließenden Worte vorsorglich als Textbaustein ablegen:
“Die Ursache der Krise war die geballte Einbildungskraft einer Menge kluger Leute im In- und Ausland …”
Der Brief ist doch grandios (offenbar haben die dafür nicht soviel einstecken müssen, wie wir für unser Manifest – nunja, sie haben es ja auch Brief und nicht Manifest genannt).
Konferenzen sind eben die “Medien” der Wissenschaft. Das geht schon in Ordnung.
Tatsächlich muss man sich fragen, ob die Ökonomen hierzulande nicht auch häufiger Briefe an die Regierung schreiben sollten – und nicht nur, sehr teuere, Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Lage verfassen.
Danke für den Hinweis auf den Brief, der mir sonst völlig entgangen wäre. rml
Zu diesem Thema gibt es ein ziemlich bekanntes Video (USA), bestehend aus
drei News Shows 06 / 07 mit zum Teil wirklich falschen Prognosen und
Empfehlungen. Es hat fast 1,5 Millionen Seher, und ist deswegen fuer die “irrenden” Experten, u.a. jenen, die darin vorkommen, schon mal Anlass fuer Schweissperlen.
Also ganz so ohne Konsequenzen blieben deren Unsinn, der ganz normale
Wahnsinn vergangener Tage, nun doch nicht. “Peter Schiff was right”:
http://www.youtube.com/watch?v=2I0QN-FYkpw
und dazu passend, ein Folgevideo mit Bill Maher, TV Moderator, in einer comedy
show, in der er Art Laffer zu seinen frueheren Aussagen und Fehlprognosen (zu
sehen in erstem Video) befragt. (Ich mag die Art wie amerikansiche TV Comedies,
u.a. auch Comedy Central, fallweise die falschen Finanzexperten rannimmt,
zerlegt.)
http://www.youtube.com/watch?v=z3WjgKUf-kA
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