Wolfgang Michal | 8 Kommentar(e)
Saarland, Sachsen, Thüringen: Mit starken Begriffen versuchen die Medien, den Bundestagswahlkampf noch einmal aufzubrezeln. Doch die eigentlich spannende Frage bleibt außen vor: Was wollen die vielen Nichtwähler?
01.09.2009 |
Bei der Bundestagswahl am 27. September wird es 62,2 Millionen Wahlberechtigte geben. Zehn Prozent davon, 6,22 Millionen, konnten am vergangenen Sonntag ihre Stimme abgeben. Gewählt haben 3,44 Millionen – oder 5,5 Prozent der bundesweit Wahlberechtigten. Das ist zu wenig, um eine verlässliche Prognose für die kommende Bundestagswahl daraus ableiten zu können.
Versucht wurde es trotzdem. ARD-Zahlenmonster Jörg Schönenborn war sichtlich bestrebt, die CDU aus ihrem Halbschlaf zu wecken. Steil und tief sackten die schwarzen Säulen in den Infographiken nach unten. Und dunkelrote Türme wuchsen drohend empor. BILD erhob „Lafo“ zum Titelhelden. Das alles signalisierte: „Absturz!“ „Katastrophe!“, „Kantersieg!“ „Triumph!“ – Und sollte heißen: Kehrt um, ihr Bürgerlichen! Macht endlich den Lagerwahlkampf, den wir Medien so dringend brauchen!
Angela Merkel aber wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, würde sie den Medienbedürfnissen nachgeben. Sie weiß: Am vergangenen Sonntag gab es – insgesamt gesehen - weder einen „Erdrutschsieg“ noch einen „Erdrutschverlust“. Selbst der so laut hinausposaunte „Triumph der Linken“ schmolz zusammen wie Butter in der Sonne.
Achja? Hat denn die Linke im Saarland ihre Stimmenzahl nicht verzehnfacht? Hat die CDU in Thüringen nicht über 24 Prozent ihrer bisherigen Wähler verloren, in Sachsen 15,4 Prozent, im Saarland 12 Prozent? Hat die SPD in Thüringen nicht 33,5 Prozent an neuen Wählern dazu gewonnen?
Dochdoch, das ist alles richtig! Aber die Wahlbeteiligung und die gewählten Bezugsgrößen verzerren jede Prozentrechnung.
Zählen wir die Stimmen dagegen nach dem alten Prinzip „One man, one vote“, so ergibt sich folgendes Bild: Die FDP hat die Zahl ihrer Wähler im Vergleich zu den letzten drei Landtagswahlen um 125.867 gesteigert. Die Piraten haben 34.620 Wähler hinzugewonnen, die Grünen 34.139, die SPD 26.857. Und die Linken? Die haben sage und schreibe 8.346 Wähler dazu gewonnen. Was Lafontaine im Westen holte, verspielten die Sachsen im Osten.
Schwarz-Gelb beklagte unterm Strich einen Verlust von 136.336 Wählern. Rot-Rot-Grün konnte 69.342 Wähler hinzu gewinnen.
Diese mageren Zahlen zeigen überdeutlich: Hier geht’s um Peanuts. Bei 62,2 Millionen Wahlberechtigten fallen derart minimale Verschiebungen kaum ins Gewicht. Entscheidender wird die Frage sein, wie viele der 62,2 Millionen Wahlberechtigten am 27. September wählen gehen.
Hier müssten die Parteien, die einen Politikwechsel wollen, ansetzen.
Aber bislang bequemt sich keines der großen Meinungsforschungsinstitute (und leider auch keiner der Auftraggeber aus Medien und Politik), einmal gezielt (und nicht nur oberflächlich) die politischen Präferenzen und Überzeugungen der Nichtwähler zu erforschen. 20 bis 50 Prozent aller Wahlberechtigten – das sind 12 bis 31 Millionen Bürger – werden auf diese Weise aussortiert und politisch ignoriert.
Aber am Wahlabend, da werden dann alle wieder sehr „überrascht“ sein.



Eine einfach gute und gut einfache Bewertung. Aber wie schon anklingt, realistische Analysen mögen die Medien nicht. Prickelnde Unterhaltung ist dort Ziel und Weg.
Zwar wäre es interessant, die Präferenzen der Nichtwähler zu kennen. Und vielleicht würde das mittel- bs langfristig auch Veränderungen in Parteiprogrammatik und Berichterstattung bringen – gerade weil es sich um potenzielle Wähler handelt.
Aber die Entscheidung, nicht zu wählen, ist – bewusst oder unbewusst – eine Einverständniserklärung mit der Politik. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass wir es mit mündigen Bürgern in diesem Land zu tun haben.
@Bernd: Diese Unterschiebung, dass Nichtwähler ihr Einverständnis erklären mit was auch immer, mit der Politik oder anderen Drohungen “Wer nicht wählt, wählt die Linken”, “Wer nicht wählt, wählt die Rechten” ist im Wahlsystem begründet. Es gibt schlicht keine Möglichkeit mit “Nein” zu stimmen. Nein hieße: Ich fühle mich durch keine Partei vertreten, bitte “meinen” Parlamentssitz nicht besetzen, sondern bei jeder Abstimmung als Nein- oder Gegen-Stimme werten. Schieben Sie also bitte nicht den Nichtwählern etwas unter, was von den Parteien so gewollt ist, denn die müssten wirklich um jede Stimme kämpfen, um das System mit Legitimität auszustatten, wenn es die “Nein”-Option gäbe.
Ich verstehe diese Zahlenspiele nicht. Positiv ist doch, dass die Wahlbeteiligung bei diesen Landtagswahlen eher wieder gestiegen waren – also alles Parteien eher mehr Stimmen bekommen haben müssen.
Habe ich da etwas falsch im Ohr?
Könnten Sie die Zahlen nicht einfach vollständig unter dem Aritkel zitieren, damit man sich ein eigenständiges Bild machen kann – so wirkt das alles ein wenig wie Hexerei….
@Simona: Hier können Sie alle Zahlen nachlesen:
http://www.wahlrecht.de/news/2009/landtagswahl-sachsen-2009.htm
In Sachsen ist die Wahlbeteiligung um über 7 Prozentpunkte gefallen. Da es in Sachsen (3,5 Mio.) aber wesentlich mehr Wahlberechtigte gibt als in Thüringen (1,9 Mio.) und im Saarland (0,8 Mio.) zusammen (wo die Wahlbeteiligung stieg), ist die Wahlbeteiligung insgesamt gefallen: Das heißt, 2009 gingen weniger Leute zur Wahl als 2004. Das ist keine Hexerei, sondern Mathe!
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[...] die Menschen in unserem Land in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht mehrheitlich als „wenig mündig“ erweisen. Wir meinen, dass man das alleine deshalb schon behaupten darf, da auch die letzten [...]
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