Mark T. Fliegauf | 9 Kommentar(e)
Das oft beklagte politische Desinteresse ist nicht einfach die Schuld der Parteien. Der Citoyen wird abgelöst vom Politik-Konsumenten, der mit Kampagnen-Häppchen bedient werden will, anstatt mitzugestalten.
27.08.2009 |
Am 27. September ist Bundestagswahl – so what? Diesen Eindruck muss zumindest derjenige Beobachter haben, der dieser Sommertage mit offenen Augen durch die Republik läuft. Denn außer in den Parteihäusern und einigen Redaktionsräumen scheint sich niemand wirklich für den anstehenden Urnengang zu interessieren. Nun könnte man in den allgegenwärtigen Chor jener einfallen, die das allgemeine politische Desinteresse auf die fortschreitende Entfremdung der Parteien vom Volke zurückführen, die Banketts für Spitzenmanager ausrichten, anstatt sich um die Belange ihrer Bürger zu kümmern.
Doch es muss einmal die Frage erlaubt sein: Welcher Bürger? Denn der Citoyen, der aktiv und eigenverantwortlich am politischen Geschehen teilnimmt, scheint mittlerweile weitestgehend abgelöst von einer neuen Spezies: dem Konsumenten. Dieser will bedient werden – schließlich bezahlt er ja Steuern –, ohne dabei irgendwelchen eigenen Aufwand in Kauf nehmen zu müssen. Damit fügt sich der (immer öfter: Nicht-)Wähler perfekt in die bundesdeutsche Medienrepublik ein, in der nach Gunter Hofmann alles erlaubt ist – mit Ausnahme des Mitmachens.
Der Wähler folgt brav und stellt die politische Partizipation – ob nun im Ortsverein, Stadtparlament oder einer Bürgerinitiative – bisweilen teilweise, weitaus öfter sogar gänzlich ein. Stattdessen konsumiert er auf der heimischen Couch die sorgsam entworfenen Kampagnen und Statements, die ihm einzelne Politiker – ganz im Stile der Werbung – schlagwortartig verpackt und in leicht verdaulichen Häppchen verabreichen. Wenn es ihm dann zuviel wird, schaltet er einfach um. Auf dieselbe Art und Weise votiert er sich im vierjährlichen Abstand durch die Parteienlandschaft, je nachdem welches politische Sonderangebot seinem Eigeninteresse gerade am dienlichsten zu sein scheint. Und wenn sich das vermeintliche Schnäppchen als elektoraler Fehleinkauf erweist, brandmarkt der Wähler reflexartig das Fehlverhalten der Elite.
Gleichgültig ob nun die Medien die Politik kolonisiert haben oder umgekehrt: Dem Bürger a.D. blieb und bleibt auch weiterhin stets die Wahl, diesen Prozess tatenlos hinzunehmen oder ihm entgegenzusteuern. Er hat sich bislang für die erste Option entschlossen, womit sich der Kreis zwischen Politikverdrossenheit und Ackermann-Sause schließt. Das amerikanische Beispiel bietet Hoffnung, wie dieser Ring – gerade durch digitale grassroots-Bewegungen – durchbrochen werden kann. Doch dazu bedarf es des Engagements statt der Konsumenten-Mentalität. Denn in den Worten des legendären amerikanischen Kulturkritikers George Carlin: „If you have selfish, ignorant citizens, you’re going to get selfish, ignorant leaders.”


“Am 27. September ist Bundestagswahl – so what? Diesen Eindruck muss zumindest derjenige Beobachter haben, der dieser Sommertage mit offenen Augen durch die Republik läuft.”
Dieser Einstieg lässt mich etwas ratlos zurück. Was erwarten Sie? Dass sich die ersten Wähler bewaffnet mit Liegestuhl und Schlafsack vor den Wahllokalen platzieren? Oder wie drückt sich das Desinteresse aus?
Ratlos bin ich auch bei Ihren Folgebehauptungen, die ohne Beweis einfach dahingestellt werden. Das kann man als Journalist machen, um ein Produkt zu füllen. Von einem Blogger erwarte ich mehr, zumal es ja nun ganz klare Anzeichen gibt, dass sich zumindest im Netz was sammelt (Stichworte: Petition gegen Zugangserschwernisgesetz oder Piraten; auch bei der Einführung der PC-Gebühr sind einige Leute politisch aufgewacht).
Vor diesem Hintergrund geht mir sowas wie “Citoyen”, was vielleicht politikwissenschaftlicher Fachjargon ist (ich weiß es nicht), ziemlich auf die Nerven: Erst nur Behauptungen in den Raum stellen, aber dann dafür eine abgehobene Sprache nutzen.
Ich les oft hier, aber so schwach hab ich lange keinen Artikel in Erinnerung.
Mich wundert auch die Erwartungshaltung, die hier vorgehalten wird. Und mir scheint, die Mär vom “langweiligen Wahlkampf” hat sich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung gemausert, die hier wie da von der schreibenden Zunft aufgebaut wurde. Politik hat nicht spannend oder unterhaltsam zu sein.
Sehe ich auch so, hape. Im Netz sammelt sich was und somit wird der “Citoyen” zunehmend zum “Netoyen”.
Der “Citoyen” ist übrigens kein abgehobener Insiderjargon, sondern ein alter Begriff aus der franz. Renaissance (m.W. erstmals von Montaigne in die philosophische Literatur eingeführt), der den engagierten, kritischen und aus eigener Überzeugung handelnden Bürger bezeichnet (im Gegensatz zum untertänigen oder kommunitaristisch gestimmten Mitläufer).
Schon Rousseau beschwerte sich später über das “Schwächeln” der Citoyens in der Ständegesellschaft (im “Contrat Social”) und nach in der Franz. Revolution hatte der Begriff einen schalen Beigeschmack, weil jeder mordgierige Politrabauke sich so bezeichnete, um sich vom “Bourgeois” abzuheben.
Rehabilitiert und im ursprünglichen Sinn wieder benutzt wurde der Begriff des “Citoyen” erst in den letzten Jahrzehnten im Zusammenhang mit den Diskussionen um die ‘partizipatorische Demokratie’ – sozusagen als der ‘mündige Bürger’, allerdings mit den semantischen Konnotationen ‘Avantgarde’ und ‘demokratische Elite’ (meint zumindest der Schweizer Publizist Frank A. Meyer).
Ja, wir wollen Häppchen von der Politik, gerne auch vegetarisch. Doch was bekommen wir? Autobahnen, Grillverbote und komplett unberdaulichen Hirnquirl. Da bleibt doch auf dem heimischen Sofa nur, wer schon tot ist.
Wir Nichtwähler sind übrigens keine Konsumenten (das ist der Part der Politiker), sondern Destruenten. Glück auf!
@Hape: Habe einen Mitstreiter gefunden: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,645029,00.html
Ein Indikator: Mitgliederzahlen den Parteien. Man beachte die Tendenz des Zeitraums von 1990-2005:
http://www.bpb.de/themen/NW8VAW,0,Mitgliederentwicklung.html
Keine Frage, es sammelt sich etwas im Netz, leider noch in zu geringer Zahl. Aber auch ein kleiner Anfang ist ein Anfang…
@Werner Friebel: Danke, und toller Blog! Werde ich ab jetzt öfter reinklicken…
Da muss ich mich doch dem Tenor anschließen.
Mir stellt sich zudem die Frage, ob es jemals diesen hochgepriesenen “Citoyen” gegeben hat, dem allzu gerne hinterhergetrauert wird. Ich glaube, der war immer schon eine Wunschvorstellung oder eine Blase, auf der man sich ausruhen konnte. Früher war alles besser. Das ist der unterschwellige Ton, den ich in den ganzen Post- Debatten (Postjournalismus, – demokratie und co) heraushöre. Das ist aber ein Märchen, das schon so lange erzählt wird, wie Leute ein “früher” ausmachen konnten.
Ich glaube, man unterschätzt gewaltig die Intelligenz der sogenannten Konsumenten, wenn man ihnen vorwirft, sich faul berieseln zu lassen. Was soll das auch für ein Medienmodell sein, nach dem das möglich ist? Sender sendet – Empfänger empfängt? Much too simple. Die Rezeption ist ein multiperspektivischer Prozess.
Und aus diesem Grund schreibt der Autor doch in einem Blog!? Interaktion ist das Zauberwort.
Ich glaube, dass wir uns nicht in einem Moment der UN- sondern in einem der UMordnung befinden, wo die Unattraktivität der politischen Beteiligungsmöglichkeiten auf die “unwilligen” zur Entscheidung Aufgeforderten projeziert wird. Wenn man jedoch mit der Träne im Knopfloch ins konstruierte Gestern blickt, versäumt man den Wandel mitzugestalten und übersieht die verlockenden Möglichkeiten.
Ich vermisse nicht nur den Citoyen, sondern auch den Bourgeois.
Ich glaube ja fast, die sind zusammen verschwunden. Ein wohlverstandenes Eigeninteresse (dass dann im politischen Prozess vermittelt werden könnte) wird gar nicht mehr artikuliert. Stattdessen Konsenshäppchen, die allen schmecken sollen. Just my 2 cts…
[...] der Selbständig der deutschen Bürger hat Mark T. Fliegauf bei carta.info etwas geschrieben. Das oft beklagte politische Desinteresse ist nicht einfach die Schuld der Parteien. Der Citoyen [...]
Kleiner Hinweis aus Übersee: George Carlin würde man nach deutscher Lesart eher als Kabarettist und Satiriker bezeichnen. Das hatte durchaus eine kulturkritische Dimension und führte sogar bis hin zu einem Musterprozess vor dem Obersten Gerichtshof in Washington. Das Etikett Kulturkritiker gibt ihm einen einen zu großen Heiligenschein.