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Stephan Ruß-Mohl

Berlusconi: Hinter den Skandälchen ein Skandal

Stephan Ruß-Mohl | 6 Kommentar(e)


Die von den Medien ausgeschlachteten privaten Geschichten um Silvio Berlusconi verdecken den eigentlichen Skandal: seinen schamlosen Umgang mit der Macht und die Einschränkung der Pressefreiheit.

25.08.2009 | 

Wenn es für Medienpräsenz eine Goldmedaille gäbe, dann wäre Silvio Berlusconi fraglos ein ernsthafter Anwärter. Interessant ist, womit der italienische Premierminister in den Medien Aufsehen erregt – und welche Geschichten wie gespielt bzw. nicht gespielt werden. Die Scheidungsklage und der Rosenkrieg mit seiner Frau Veronica, die angeblich zwei Milliarden Euro fordert, die Affäre mit einem minderjährigen Mädchen, die Paparazzi-Photos von den Feten, die auf seinem Landsitz in Sardinien gefeiert wurden, und die Prostituierte, die sich öffentlich über das Stehvermögen des 72-Jährigen ausließ, haben weltweit wohl für mehr süffisante Schlagzeilen gesorgt als der G8-Gipfel von Aquila.

Das Perfide ist indes, dass als Medienthema die privaten Schamlosigkeiten Berlusconis seinen nicht minder schamlosen Umgang mit der Macht zu verdrängen drohen: Missliebige Journalisten verlieren ihre Posten, Gesetze werden so zurechtgebogen, dass sie strafrechtliche Ermittlungen verunmöglichen, und Berlusconis Firmenimperium wird immer wieder vom Gesetzgeber bevorzugt.

Vom linken Lager, dem auch La Repubblica zuzurechnen ist, wird der Cavaliere eifrig skandalisiert, aber diese Angriffe werden rechts der Mitte nicht aufgenommen, obschon das Maß längst übervoll ist und eigentlich gerade Konservative – einschließlich der Katholischen Kirche – allen Grund hätten, zu Berlusconi auf Distanz zu gehen.

Unter italienischen Intellektuellen wird das alles verschämt als „italienische Anomalie“ umschrieben. Von außen betrachtet, ist das ein Euphemismus. Die Pressefreiheit ist seit langem eingeschränkt. Auch die Bedrohungs-Szenarien der Mafia verfehlen ihre Wirkung auf Journalisten nicht , was die Fachzeitschrift Problemi dell’informazione soeben neuerlich in einem umfangreichen Sonderheft dokumentiert hat. Italien verliert immer mehr den Anschluss an Europa.

Stephan Ruß-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sie erscheint in einer speziellen Version mit freundlicher Genehmigung des Autors auch auf Carta

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6 Kommentare

  1. Myself |  25.08.2009 | 15:31 | permalink  

    Ich habe mich auch lange über Berlusconis Machtverständnis aufgeregt. Aber so plakativ de Maistres arg strapazierte Behauptung “Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient” auch klingen mag – bezogen auf Italien stimmt es.

    Die Italiener wollen mehrheitlich nunmal den goldkettchentragenden superreichen Macho. Das politische Interesse ist noch deutlich niedriger, als beim Durchschnittsamerikaner.

    Die Californier haben mit Schwarzenegger begonnen, in Frankreich und Italien regieren boulevardeske Zwerge. Wer die Augen nicht verschließt, sieht, dass auch in Deutschland der Trend dahingeht, Meinungen durch einige bekannte Gesichter zu bilden.

    Ich bleibe bei de Maistre und warte, was kommt.

  2. Tifftuff |  25.08.2009 | 17:15 | permalink  

    Man braucht den Blick nicht weit schweifen zu lassen, um Leute zu sehen, von Demokratie nichts halten. In Deutschland finden wir sie in den Zeitungs- und Fernsehredaktionen, und nicht zuletzt, im Bundestag. Also an den gleichen Stellen wie in Italien. Allerdings fließt das Geld dort hin zugegebenermaßen anders, und kein sexsüchtiger Oligarch steht im Vordergrund.

  3. xconroy |  25.08.2009 | 23:24 | permalink  

    Gibt es in Italien eigentlich eine Piratenpartei?

  4. André Wegner |  27.08.2009 | 00:36 | permalink  

    Ich stimme Ihnen durchaus zu, hätte mir aber gewünscht, dass Sie auch einige der aktuellen konkreten Vorkommnisse erwähnt hätten.

    Die Pressefreiheit wurde in den letzten Wochen ganz aktiv und offensiv bedroht.
    Dies zeigen u.a. zwei Beispiele:

    1) Berlusconi hatte in einer öffentlichen Veranstaltung die Unternehmer aufgefordert keine Werbung mehr in der Berlusconi-kritischen Zeitung La Repubblica zu schalten. Dies vor dem Hintergrund der Veröffentlichungen von La Repubblica im Rahmen der Callgirl-Debatte.

    2) Vor kurzem hat Berlusconi in einem Interview mit TG3 der RAI gefordert, dass weder die Regierung noch die Opposition von der RAI kritisiert werden dürfe, siehe http://tv.repubblica.it/copertina/berlusconi-attacca-rai3/35735?video.

  5. Annika |  31.08.2009 | 22:43 | permalink  

    Ja, Silvio Berlusconi und seine Eskapaden – auch in deutschen Medien ein immer wieder gerne aufgegriffenes Thema. Da klickt man sich etwa auf zeit.de durch eine Bildergalerie mit den “schönsten Patzern” des italienischen Premiers, ein netter Zeitvertreib, regen doch seine absurden Äußerungen tatsächlich zum Schmunzeln ein. Aber genügt es denn, diesen Mann in der Rubrik “Kurioses aus der Weltpolitik” einzuordnen? Denn die Tatsache, dass ein Staatsoberhaupt nationale Medien derart kontrolliert und manipuliert, ist erschreckend und sollte daher auch mit der nötigen Ernsthaftigkeit dokumentiert werden. Die extrem autoritäre Medienpolitik Putins betrachten wir mit Schrecken – was muss noch in Italien geschehen, damit die internationalen Medien angemessen mit diesem Thema umgehen?

  6. Wohin kann man noch gehen? | Tarphos |  27.12.2009 | 22:55 | permalink  

    [...] Nach Italien kann man auch nicht gehen, wenn dort mit Berlusconi die Pressefreiheit abhanden kommt. [...]

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