Hans F. Bellstedt

Wahlkampf 2009: kein Wettbewerb der Ideen, sondern Wortgeplänkel, keine Sprachkunst, sondern Sprüche

Hans F. Bellstedt | 3 Kommentar(e)

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Liebe Politiker, wir sind gerne bereit, die Politik ernst zu nehmen und unseren Pflichten nachzukommen. Aber könntet Ihr uns, Eure Wählerinnen und Wähler, bitte auch einmal ernst nehmen?

19.08.2009 | 

Wir haben die Kraft, mit mehr netto vom brutto und dem sofortigen Abzug aus Afghanistan ein gentechnikfreies Deutschland ohne Atomkraftwerke zu schaffen. Und deshalb wähle ich SPD. Ungefähr so lässt sich die Essenz der Parteienwerbung, mit der wir in diesen Tagen behelligt werden, zusammenfassen. Es ist schon hanebüchen: Da durchläuft unser Land die schwerste Wirtschaftkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber den Strategen in den Parteizentralen fällt nichts Gehaltvolleres ein als altbekannte, vollkommen sinnentleerte Phrasen.

Wahlen sind nach unserem Verständnis die Festspiele der Demokratie. Sie sind das vielleicht wichtigste Mittel, um dem parlamentarischen System in regelmäßigen Abständen neue Legitimation zu verleihen. Zugleich dienen sie dazu, uns Bürger in die Pflicht zu nehmen: Wir stehen in der Pflicht, uns mit politischen Angeboten auseinanderzusetzen, um nach Abwägung der Argumente eine Wahl zu treffen – eine Wahl, mit der wir Macht auf Zeit delegieren. Soviel zur Theorie. Realiter, in der drückenden Hitze des Sommers 2009, erleben wir keinen Bühnenzauber, sondern Banales; keinen Wettbewerb der Ideen, sondern Wortgeplänkel; keine Sprachkunst, sondern Sprüche. Liebe Politiker, wir sind gerne bereit, die Politik ernst zu nehmen und unserer Pflichten nachzukommen. Aber könntet Ihr uns, Eure Wählerinnen und Wähler, bitte auch einmal ernst nehmen?

Der Exportweltmeister – haarscharf am Abgrund
Zugestanden: In der Mediendemokratie ist es auch Aufgabe der Politik, komplexe Zusammenhänge in klare, verständliche Botschaften zu pressen. Soviel Kommunikation muss sein. Aber Kommunikation ersetzt Konzepte nicht. Zumal in einer Zeit, wo erkennbar wird, dass eine Gesellschaft, die sich fast ausschließlich vom Export ernährt, bei größeren weltwirtschaftlichen Turbulenzen rasch am Abgrund steht. Der Economist hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Kein Land weltweit leidet unter der Krise so stark wie Deutschland. Wenn wir jetzt nicht den Umstieg auf eine innovative, hochtechnologiebasierte Dienstleistungswirtschaft vollziehen, dann finden wir uns schon bald im Industriemuseum wieder. In dem jeder seine Rentengarantie – aber kaum noch jemand Arbeit hat.

Zumindest Frank-Walter Steinmeier hat erkannt, dass das so nicht weitergehen kann. Sondern dass wir eine neue Idee von diesem Land, eine Vision für dieses Land benötigen. Deshalb hat er, der Architekt der „Agenda 2010“, seinen „Deutschlandplan“ ausgearbeitet. Von diesem mag man im Detail nun halten, was man will. So teile ich die Auffassung nicht, dass mit der Bürgerversicherung oder einer Börsenumsatzsteuer die nächste Weltkrise verhindert werden kann. Aber dass der Kanzlerkandidat der SPD sich wenigstens die Mühe macht (und damit auch uns selber zwingt), über den Tag hinaus zu denken – das darf durchaus gewürdigt werden.

Ob Opel oder Werften: Alles muss raus
Die bürgerlichen Parteien hat Steinmeier mit seinem Plan (dessen Nähe zum „Green New Deal“ unverkennbar ist) ganz augenscheinlich auf dem linken Fuss erwischt: Während die Liberalen von ihrem Credo nicht abrücken, mit Steuersenkungen werde alles besser, kassieren Merkels Jünger ein „industriepolitisches Konzept“ (PDF) aus dem Hause Guttenberg am Tag nach seinem Erscheinen auf geradezu kaltblütige Weise („spiegelt nicht den Willen der Union wider“). Für Grundsatzdebatten bleibt ohnehin wenig Zeit, wo man doch gerade damit beschäftigt ist, gleich mehrere deutsche Unternehmen an russische Magnaten zu verkaufen. Derzeit stehen Opel, die Wadan-Werften und Quimonda auf der „Alles-muss-raus“-Liste.

Wir wollen Ideen, Konzepte und Zukunftsentwürfe
So bleibt das seltsame Gefühl, dass die Parteien am liebsten gar keinen, oder allenfalls einen „chirurgischen“ Wahlkampf führen wollen – möglichst schnell, möglichst kurz und unter Vermeidung von Kollateralschäden. Der Wähler wird in Watte gepackt und soll einfach nur sein Kreuz an der richtigen Stelle machen. In den seligen Zeiten des immerwährenden Wachstums mag diese Taktik noch aufgegangen sein. Heute aber, liebe Politikerinnen und Politiker, lassen wir Euch diesen Nicht-Wahlkampf, dieses Nicht-Aufrufen von Themen einfach nicht mehr durchgehen.

Heute wollen wir Ideen, Konzepte und Zukunftsentwürfe sehen. Wir hätten gerne eine Antwort auf die Frage, wie es denn nun weitergeht nach einem Jahr mit sechs Prozent BIP-Rückgang. Wie Deutschland sich künftig positioniert gegenüber China, Indien oder Brasilien – denn diese wachsen schon wieder. Und was geschehen muss, damit aus 4 Millionen Arbeitslosen nicht plötzlich sechs werden. Die „Kraft“ in diesem Land haben ganz offenkundig nicht die Parteien, sondern die Menschen, die hier leben. Wenn ihnen nicht bald mehr Substanz geboten wird, dann kann der 27. September noch heiter werden.

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3 Kommentare

  1. Tim |  20.08.2009 | 17:11 | permalink  

    Wenn wir jetzt nicht den Umstieg auf eine innovative, hochtechnologiebasierte Dienstleistungswirtschaft vollziehen, dann finden wir uns schon bald im Industriemuseum wieder.

    Es wird gern übersehen, daß die Wertschöpfung im deutschen produzierenden Gewerbe schon heute ganz wesentlich von Dienstleistungen geprägt ist, weil eben auch in klassischen Industriebetrieben wie BASF oder Daimler sehr viele Tätigkeiten Dienstleistungscharakter haben (F+E, Marketing+Vertrieb usw.). Das fällt in den amtlichen Statistiken allerdings nicht besonders stark auf.

    Oder um es mal anders zu formulieren: Deutschland ist heute eine dienstleitungsbasierte Hochtechnologiewirtschaft, warum soll es jetzt unbedingt eine hochtechnologiebasierte Dienstleistungswirtschaft werden?

  2. lupe |  21.08.2009 | 14:13 | permalink  

    “Wir hätten gerne eine Antwort auf die Frage, wie es denn nun weitergeht nach einem Jahr mit sechs Prozent BIP-Rückgang. Wie Deutschland sich künftig positioniert gegenüber China, Indien oder Brasilien … Und was geschehen muss, damit aus 4 Millionen Arbeitslosen nicht plötzlich sechs werden.”

    Welche Medienvertreter haben denn wem diese Fragen gestellt? Wenn sie gestellt wurden, gab es wohl keine Antworten. Wenn das so ist, müssten sich diese Medienvertreter doch aufraffen zu schreiben: Die von mir befragten Kandidaten für den Bundestag wissen nicht, wie Deutschland aus der Krise geführt werden kann. Und die Schlussfolgerung in einem Kommentar: Sie sind nicht wählbar.

  3. Alexander Böck |  25.08.2009 | 15:49 | permalink  

    “Kein Land weltweit leidet unter der Krise so stark wie Deutschland. ”
    –> Das stimmt – momentan – sicher nicht. Schauen Sie sich mal zB in Rumänien um. Dort werden gerade 14000 Beamte entlassen, weil der Staat sie nicht mehr bezahlen kann. Die Bevölkerung “leidet” im wahrsten Sinne dort wirklich, davon kann in unserer immer noch wohlgenährten Gesellschaft gar keine Rede sein.

    Anderes Beispiel ist Spanien: darüber hat der SPIEGEL unlängst erst einen Artikel über die sog. “Ni-Ni”-Generation (die “Weder-Noch”-Generation) gebracht, also über junge Menschen, die weder Job haben noch in Ausbildung sind und an die 50% der Jugendlichen ausmachen. Spanien leidet – dank jahrzehntelangem Bauboom – am stärksten unter dem Platzen der Immobilienblase.

    Ich habe nicht den kompletten Artikel aur der Economist-Seite gelesen, aber ich sehe nicht, dass er diese Aussage “auf den Punkt bringt”.

    Gruß
    Alexander Böck

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