Klaus-Peter Schöppner | 8 Kommentar(e)
Einem Viertel der Unionswähler wäre heute bereits eine Koalition mit den Grünen lieber als mit der FDP. Und im Süden des Landes wächst die Zustimmung zur christlich-ökologischen Alternative überproportional.
07.08.2009 |
Sieben Wochen vor der Bundestagswahl ist die Sache für die meisten Deutschen längst gelaufen: 66 Prozent rechnen mit Schwarz-Gelb. Jeder dritte mit der ungeliebten Fortsetzung der Großen Koalition, kaum jemand mit Ampel oder einem Jamaika-Bündnis. Auf Schwarz-Grün, also einer Regierung aus CDU/CSU und den Grünen, setzt dagegen kaum jemand.
Warum eigentlich? Mitte Juli kam die Union zusammen mit der FDP auf 50 Prozent der Wählerstimmen, mit den Grünen immerhin auf 47. Was aber, wenn die klammheimliche Angst der Liberalen vor Politstar zu Guttenberg Realität wird? Und der „coole Baron“ (Stern) einen Teil der ordnungskonservativen Wähler von der FDP zurückgewinnt? Die SPD mit einem Anti-Atom-Wahlkampf den Grünen weitere Wähler zutreibt? Was wenn die Öko-Partei ihr Stimmungshoch nach dem Europawahlerfolg konservieren kann und womöglich stärker als die Liberalen wird? Oder die Union mit beiden Partnern mehrheitsfähig wäre?
Stellen Sie sich vor, es ist Bundestagswahl, und es würde für Schwarz-Grün reichen. Dazu fehlen gerade noch zwei Prozentpunkte!
Es empfiehlt sich also, einmal tief in die Gemütswelt der Unionswähler zu schauen: Ist christliberal noch die unantastbare Regierungspräferenz der Konservativen? Oder hat sich der ökologische Bazillus bereits tief in deren Gedankenwelt geschlichen? Wie viele CDU/CSU-Wähler votieren im Falle beider Optionen eher für die FDP, wie viele für eine Koalition mit den Grünen? 25 Prozent! Jeder vierte Unionswähler bevorzugt eine christökologische Koalition. Unter allen Wahlberechtigten sind es sogar 42 Prozent. Viel mehr, als es der Eindeutigkeit der bislang geäußerten Strategie entspricht. Noch zu wenig, um schon jetzt attraktive Alternative zu sein.
Liegt das daran, dass Union und Grüne zu wenig seelenverwandt sind? Dass beide Anhängerschaften zu unterschiedliche Politeinstellungen aufweisen? Oder liegt es nur daran, dass diese Option bundesweit bisher kaum die Wahrnehmungsschwelle der Wähler erreicht?
Eher am Zweiten: In den meisten politischen Sachfragen liegen die Wähler von Union und FDP noch näher beieinander: in ihren Einstellungen zur Kernenergie, zu Steuererleichterungen, in der Bildungspolitik.
Aber es gibt auch verbindende Themen zwischen Schwarz und Grün: Die zunehmende Ablehnung von Staatshilfen und Rettungsschirmen, die sozial determinierte Ordnungspolitik, die Familienpolitik.
Für Aufsteiger sind beide Parteien gleich attraktiv. Und: Bewundern die konservativ-pflichtbewussten Schwarzen nicht klammheimlich die hedonistisch-kulturell orientierten Grünen? Sind Unionswähler im Grunde ihrer Herzen nicht auch öko- und friedliebend? Jedenfalls stärker als früher. Zudem wird eine linke, im Niedergang befindliche SPD für grüne Akademiker, Beamte und Besserverdienende nicht attraktiver. Für diese Wähler ist beides, Öko und Konsum, Ausdruck ihres Lebensgefühls. Für viele ist die Mitte grün.
Geht also Schwarz-Grün? Unter bestimmten Umständen: ja! Denn auffällig ist, dass im lebensfreudigeren Süden der Republik Schwarz-Grün auf deutlich stärkere Zustimmung trifft als im eher preußischen Norden. In Baden-Württemberg bevorzugen nur noch 55 Prozent der CDU-Wähler eine christlich-liberale Koalition. 45 Prozent votieren bereits für ein Bündnis mit den Grünen.
Schwarz-Grün könnte die Regierung der Zukunft sein: Wenn die SPD nach den wahrscheinlich verlorenen Wahlen ihre erste Reihe, also Steinmeier, Steinbrück und Müntefering verliert, Nahles und Wowereit die Sozialdemokraten auf die dann auch öffentlich propagierte Wende nach links vorbereiten, worauf bereits die politische Ausrichtung der aktuellen SPD-Bundestagskandidaten hindeutet. Und wenn die Union zur wirklichen Partei der Mitte avanciert, auch weil sie sich dann besser als in einer Koalition mit der FDP als Wirtschaftspartei profilieren kann.
Auch der nächste politische Megatrend spricht für Schwarz-Grün: Der nämlich heißt nach „Sicherheit im Wandel“ und „Arbeit schaffende Wirtschaft“ „Gesellschaftliche Fairness“, also fairhalten, fairantworten, fairhandeln, fairkaufen, fairbünden: Wie schaffe ich ein modern-gerechtes Deutschland in Zeiten von Globalisierung, Demografie und IT-Dividende, in dem „Versöhnen statt Spalten“ zur Richtschnur des Miteinanders wird? Bei keinem Thema passt eine Partei mit christlichen besser zu einer mit ökologischen Wurzeln.
Dieser Text erschien zuerst in Cicero. Carta übernimmt den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors als Zweitveröffentlichung.



Was aber, wenn … Die SPD mit einem Anti-Atom-Wahlkampf den Grünen weitere Wähler zutreibt?
Den Satz kapier ich nicht..
Auch der nächste politische Megatrend spricht für Schwarz-Grün: Der nämlich heißt nach „Sicherheit im Wandel“ und „Arbeit schaffende Wirtschaft“ „Gesellschaftliche Fairness“, also fairhalten, fairantworten, fairhandeln, fairkaufen, fairbünden: Wie schaffe ich ein modern-gerechtes Deutschland in Zeiten von Globalisierung, Demografie und IT-Dividende, in dem „Versöhnen statt Spalten“ zur Richtschnur des Miteinanders wird? Bei keinem Thema passt eine Partei mit christlichen besser zu einer mit ökologischen Wurzeln.
Und das kapiere ich nicht.
„Gesellschaftliche Fairness“ im Zusammenhang mit der Union?
Klingt witzig, macht bloß keinen Sinn.
Ich würde gerade aufgrund meiner christlichen Wurzeln nicht die CDU wählen.
Vielleicht auch, weil meine Vorväter als Pfarrer sich immer für den interreligiösen Dialog und eine freiheitlich bürgerliche aber auch sozialen Gesellschaft eingesetzt haben. Beides sind Themen die die Union komplett verfehlt (weil man den gesellschaftlichen Wandel komplett verschläft und extrem in Bürgerrechte eingreift).
Wenn man noch eine Spur weiter voraus denkt, könnte die Zukunft sogar Grün-Schwarz heißen. Im Stuttgarter Gemeinderat haben die Grünen jetzt einen Sitz mehr als die CDU (16 gegenüber 15). In Tübingen ist der Vorsprung der Grünen gegenüber der CDU noch größer (14 gegenüber 8 Sitzen) und mit Boris Palmer stellen die Grünen den Oberbürgermeister. Auch in Freiburg stellen die Grünen den Oberbürgermeister (Dr. Dieter Salomon war der erste grüne Bürgermeister einer deutschen Großstadt überhaupt), liegen bei den Sitzen im Gemeinderat allerdings “nur” gleichauf mit der CDU.
Ja, während die SPD ihre Wähler verraten hat, haben die Grünen eben “nur” ihre Ideale verkauft. Und daran haben die “wohlständelnden” Grünen-Wähler auf ihrem Marsch durch die Institutionen mit Freuden teilgenommen. Sie tragen jetzt nicht mehr Turnschuhe, sondern Maßanzüge und sind selbstgerecht wie eh und je. Eine FDP für ein reines Gewissen.
Traurig, aber wahr.
Was ich bei den ganzen Diskussionen um Schwarz-Grün immer vermisse, ist die Berücksichtigung des Willen der Grünen. Es reicht nicht, dass CDUler solch eine Koalition gerne sehen, auch aus dem grünen Lager muss so eine Koalition gewollt sein. Das sieht dann aber schon schwieriger aus. Das Argument das für Schwarz-Grün spricht ist, dass es Schwarz-Gelb verhindert. Ein pur praktisches machtpolitisches Argument und eins das auf viel Widerstand innerhalb der Grünen stoßen wird. Also so wirklich kommen sehe ich Schwarz-Grün nicht, nicht mit der CDU/CSU.
Ach und den schwäbisch-pietistischen Südwesten als lebensfreudiger als den preußischen Norden hinzustellen finde ich durchaus… an den Haaren herbei gezogen.
Es wäre schon eine mittlere Sensation, wenn es am Ende schwarz-grün wird.
Die Grünen müssten noch einmal zulegen und von der SPD enttäuschte Wähler hinzubekommen (was nicht so unrealistisch ist). Viel schwieriger wird es für die CDU, Wähler der FDP zu gewinnen. Anders ausgedrückt: Die FDP wird ihre Wähler mobilisieren können, da man so nah, wie seit einigen Jahren nicht, vor einer Regierungsbeteiligung steht.
Kleiner Tipp: Einfach bei Facebook einloggen, “Schwarz-Grün” in die Suche eingeben und Mitglied bei der Gruppe “Für Schwarz-Grün im Bund!” werden! Es kann doch nicht angehen, dass eine so offensichtliche Koalitionsoption von den führenden Köpfen bei Union und Grünen ausgeschlossen wird.