Matthias Schwenk | 16 Kommentar(e)
Über die Situation der Zeitungen in Mecklenburg-Vorpommern berichtete kürzlich Stefan Niggemeier in der FAZ. Muss eine Region wie Vorpommern langfristig ohne guten Journalismus auskommen, wenn die gedruckte Zeitung dort nicht mehr läuft?
21.07.2009 |
Vorpommern, am nordöstlichsten Rand Deutschlands gelegen, ist eine schöne Gegend um Urlaub zu machen. Stefan Niggemeier jedoch war nicht auf Urlaub dort, sondern hat sich über die Lage der Zeitungen informiert und dazu dann einen längeren Artikel für die FAZ (erschienen am 18. Juli 2009, Seite 44) geschrieben.
Zwei Dinge daran sind bemerkenswert:
- Die Schilderungen, wie Zeitungsverlage (als Organisationen gesehen) eine geradezu unglaubliche Mühe haben, sich den technischen Wandel im Laufe der Zeit zunutze zu machen. So gibt es beim Nordkurier (zumindest stellenweise) für die Journalisten keine Diensthandys. Notebooks für den mobilen Einsatz fehlen ebenfalls, weil das “Redaktionssystem” damit nicht kompatibel ist. Noch Fragen?
- Der Tonfall von Stefan Niggemeier. Wer ihn als Blogger kennt, kann kaum glauben, dass er der Autor dieses Artikels ist, so sehr wird hier das hohe Lied des guten alten Qualitätsjournalismus gesungen, seine Wichtigkeit für die Demokratie unterstrichen und eine “starke Zeitung” beschworen, fast so als gäbe es den Medienwandel und das Internet nicht.
Klar ist: Mecklenburg-Vorpommern ist ein von Schwierigkeiten gezeichnetes Bundesland… weiterlesen bei bwl zwei null


Hallo aus dem Nordosten,
seit Tagen rätsele ich über dieselben Fragen. Was wollte Herr Niggemeier mit diesem für ihn sehr untypischen, unsachlichen, komplett rückwärts gewandten, dazu noch über weite Strecken mit persönlichen Beleidigungen gespickten Artikel eigentlich sagen?
Ich könnte hier sehr breit ausführen, warum vieles in dem langen Beitrag nicht stimmt, so nicht gesagt wurde, sinnentstellend zitiert wurde. Aber das bringt ja selten etwas.
Es liegt mir etwas am Herzen. Die von mir vertretene Zeitung hat sich auf den Weg in die Medienzukunft gemacht. Wir stehen am Anfang. Ganz am Anfang. Im Laufe der nächsten Monate werden wir rund eine Million Euro ausgeben (viel Geld für einen kleinen Verlag), um ein völlig neues Redaktionssystem einzuführen, mit dem wir erstmals gleichberechtigt und gleichzeitig die Kanäle Online und Print bedienen können. Das System stammt vom führenden Verlagssystemanbieter Atex – und ist die erste derartige Installation in Deutschland. Wir sind der erste deutsche Zeitungsverlag, der sich an dieses System (Hermes 11 / Polopoly) herantraut. Seit Monaten arbeiten bei uns interne/externe Arbeitsgruppen daran. In dem Zusammenhang werden alle 100 Redakteure des Hauses auch mit neuen leistungsfähigen Laptops ausgestattet. Ein gewaltiger Kraftakt. Aber notwendig, wenn wir ernst machen wollen mit einer vernetzten und mobileren Berichterstattung.
Herrn Niggemeier haben wir das bei seinem Blitzbesuch bei uns (Neubrandenburg liegt übrigens nicht in Vorpommern, sondern in Mecklenburg, das ist natürlich pingelig, aber München liegt nun einmal auch nicht in Franken) alles haarklein erklärt, auch die Zeitabläufe und Investitionen. Er wollte aber offenbar lieber die billige Nummer abziehen, über den dämlichen Chef, der irgendwelche Visionen hat und dessen Mitarbeiter dann keine Hilfsmittel bekommen. Das ist Quatsch. Aber die Einführung eines komplexen Verlagssystems dauert halt ein paar Monate. Das ist nicht wie in den Media-Markt gehen und schnell mal ein paar Rechner kaufen.
Wenn der technische Prozess hoffentlich im November abgeschlossen ist, beginnt danach aber erst die wirkliche Arbeit. Wir müssen den Themenmix finden, die Arbeitsprozesse neu organisieren, wir müssen offene Produktdiskussionen führen, wir werden auch schulen und fortbilden müssen. Man kann das alles mit Häme überziehen und damit den Teil der Skeptiker stärken, die am liebsten alles lassen möchten, wie es ist oder wie es angeblich einmal war. Es gibt eine bestimmte Klientel, bei der mich das nicht weiter stören würde, weil ich dort nichts anderes erwartet habe. Bei Herrn Niggemeier bin ich einfach nur verwundert. Aber vielleicht mag er mich einfach persönlich nicht. Gut, der Pressecodex sagt in diesem Fall… Aber egal. Ich freue mich über Ihre Aufforderung, „out oft he box“ zu denken. Ich halte das für lebensnotwendig.
Ein letzter Nachtrag zu einem Thema, das mir dann doch sehr aufgestoßen ist und nicht so stehen bleiben kann. Die These des Artikels, dass der gute alte Journalismus in Vorpommern in Gefahr sei, macht Niggemeier ausgerechnet an der Behauptung fest, dass der Nordkurier über einen bestimmten Vorgang mit der NPD nicht berichtet habe und durch sein insgesamt ahnungsloses Verhalten den Rechtsextremismus fördere bzw. zumindest ihm nichts entgegensetze. Das war die Stelle in dem Beitrag, die ich wirklich widerwärtig fand. Die Redaktionen des Nordkuriers leisten seit Jahren eine engagierte Aufklärungsarbeit gegen Rechts. Das Thema bildet einen Schwerpunkt der Berichterstattung unseres Hauses. Viele Nordkurier-Journalisten müssen dafür hinnehmen, dass sie und ihre Familien auf Hass-Webseiten der Extremisten auftauchen und persönlich bedroht werden. Die Unterstellungen sind in diesem Fall wirklich infam. Das I-Tüpfelchen: Der angeblich fehlende Beitrag stand selbstverständlich im Nordkurier und wurde auch von anderen Zeitungen zitiert.
@Lutz Schumacher: Vielen Dank für die ausführliche und konstruktive Ergänzung aus Ihrer Sicht! Für mich ist das die Bestätigung dafür, dass der Artikel von Stefan Niggemeier nicht “unkommentiert” stehen bleiben konnte.
Der “bestimmte Vorgang mit der NPD” ist die Tatsache, dass ihre Vertreter einstimmig in die Ausschüsse des Kreistages in Anklam gewählt wurden, sogar mit den Stimmen der Linken – ein Tabubruch. Die konstituierende Kreistagssitzung war am 13. Juli. Die Leser des “Nordkuriers” (ebenso wie der “Ostsee-Zeitung”) erfuhren in den Berichten über die Sitzung, die am 14. Juli erschienen, nichts. Die Pressevertreter hatten schlicht nicht bemerkt, was da passiert war, oder keine Zeit, lange genug zu bleiben. Erst am 15. Juli holte der “Nordkurier” (hier: die “Anklamer Zeitung”) das nach – der Neonazi-Experte Günther Hoffmann, der bei der Sitzung dabei war und stutzig wurde, hatte den Lokalchef im Nachhinein darauf aufmerksam gemacht. Der war aus allen Wolken gefallen und ist selbst höchst unglücklich über die Panne.
Dass die Redaktion sich gegen die Neonazis in ihrem Gebiet zu wehren versucht, bestreite ich nicht. Ich behaupte nur, dass ihnen die journalistischen Möglichkeiten und finanziellen Mittel dazu fehlen. Das bestätigen auch die Menschen vor Ort, mit denen ich gesprochen habe.
Ein Mensch, mit dem Sie gesprochen haben. Wir kennen den.
Der Text von Stefan steht nun auch online:
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E88F33D9554404C7694EA82DDBDAE768F~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Dank an Kai Pritzsche.
gruss,
Robin
Ich finde es bemerkenswert, dass sich die FAZ jetzt gegenüber dem Nordkurier profiliert, gegenüber Google und Jeff Jarvis hatte es ja nicht so richtig geklappt. Ich frage mich, wann ein fazblog die Arbeit aufnimmt, den selbsternannten Don Quichottes die Mühlen vor Augen zu führen, gegen die so vehement angerannt wird.
Ich frage mich, wann es mal in Deutschland eine Zeitung wie die NZZ oder den Guardian geben wird.
Ich hoffe sehr bald, dann kann ich auch wieder auf meiner Veranda mal eine deutsche Zeitung lesen. Die aktuellen Hiesigen will weder der junge noch die alte Rhodesian Ridgeback Hündin apportieren…
Ich möchte vielleicht noch eine konstruktive Ergänzung zur NPD-Debatte liefern. Natürlich kann man immer noch besser und schneller werden. Das ist ja gerade unser Ziel. Der Nordkurier betreut eine Fläche, die knapp der Größe Schleswig-Holsteins entspricht. Wir sind in dem gesamten Gebiet die einzige Zeitung, da ist es schier unmöglich, jede Entwicklung immer sofort zu bemerken und angemessen darüber zu berichten. Gerade auch aus diesem Grund ist es notwendig, das Internet viel stärker als bislang zu nutzen, nicht nur als Publizisten, sondern auch als Empfänger von Informationen und als Moderator von Meinungsbildungsprozessen. Wir versprechen uns davon, dass wir unsere User einbinden und auch auf diesem Wege tiefer noch als bisher in die lokalen Informations- und Meinungsströme kommen. Wir können nicht in jeder Gemeinderatssitzung hocken, es gibt unzählige Gremien in unserem Gebiet, in welchem die größte Stadt gerade einmal 65.000 Einwohner hat und das vor allem aus unzähligen sehr kleinen Gemeinden besteht. Aber wir können noch aufmerksamer werden, gerade bei Themen aus dem Umfeld des Rechtsextremismus, wenn wir sozusagen mehr Informationsquellen haben. Erste erfolgreiche Gehversuche machen wir mit zwei Blogs (z.B. http://ostblog.blog.de/ ), bis Jahresende starten wir unsere neue Internetplattform.
Insofern: Ich bin komplett anderer Meinung als jeder, der Region, Menschen und örtliche Tageszeitung nach ein, zwei Tagen zu kennen glaubt. Die Qualität der Arbeit unserer rund 100 Lokalredakteure ist jetzt schon sehr gut, und sie wird durch die neuen Informationswege und technischen Möglichkeiten besser und vor allem anders werden. Der Abgesang auf eine Region, die sich angeblich keinen guten Journalismus mehr leisten kann, ist deutlich verfrüht! Wir laden alle Zweifler ein, uns im nächsten Jahr zu besuchen, dann sind wir sicherlich noch lange nicht am Ziel, aber doch einen großen Schritt weiter.
Herr Schumacher, wir bleiben am Thema dran und werden mitnichten Ihre Region abschreiben oder aufgeben.
Der Zustand der Zeitung, ihr Wirken (oder eher Nicht-Wirken) in der Region, ihre geforderte, aber noch nicht vorhandene Virtuosität im Umgang mit dem Internet und seinen technischen Möglichkeiten inklusive RSS, Blogs, Twitter und was es noch so alles gibt, weist doch auf ein Grundproblem hin: Schafft es der Journalismus, unter Beibehaltung der alten Tugenden Seriösität, Qualität, Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit, sich neu zu erfinden? So, wie wir Journalisten gerne Unternehmen und Behörden an den Pranger stellen, die in alten Mustern verharren und den Bürger oder Kunden als Bittsteller sehen, so müssen wir uns jetzt selbst fragen lassen: Was haben wir eigentlich im letzten Jahrzehnt verschlafen? Und damit meine ich jetzt nicht die Verleger oder Geschäftsführer oder Chefredakteure, über die es sich immer vortrefflich schimpfen lässt. Gesegnet mit halbwegs stabilen Auflagen und Verträgen mit automatischen Steigerungen alle paar Jahre ohne jegliche Beurteilung (das gibt es noch nicht einmal bei den Beamten) ging es jahrelang für jeden einzelnen Journalisten aufwärts. Das System war auf Bequemlichkeit und größtmögliche Sicherheit ausgelegt, und man musste als Journalist schon sehr querdenkerisch veranlagt sein, um sich diesem Sog zu entziehen und es sich nicht einfach nett einzurichten in der Lokalredaktion. Und plötzlich kommt Readerscan, und wir müssen erfahren: Mist, da gibt es jemanden, der pro Monat 25 Euro bezahlt, und plötzlich darf der auch noch sagen, was er dafür lesen will? Und dann kam die erste Zeitungskrise, und dann die zweite, die aktuelle. Zwischendurch das Internet. Mist. Da wagen es Bürger doch plötzlich, an uns vorbei öffentlich zu schreiben? Was fällt denen eigentlich ein. Wir sind es doch, die die Wahrheit gepachtet haben. Ach so, ja, das mit dem Guttenberg, die Abschreiberei aus dem Wikipedia, das war natürlich blöd. Aber das passiert uns nieee wieder. Und das waren ja auch die anderen.
Das, was jetzt passiert, ist Riepl pur. Und zwar nicht nur für die Medienhäuser insgesamt, sondern bei jedem einzelnen Journalisten. Neue Medien werden alte Medien nicht verdrängen, wenn es die alten Medien schaffen, sich neu zu definieren, eine neue Zielgruppe zu suchen. Oder vielleicht erstmal wahrnehmen, dass es eine Zielgruppe gibt. Und wenn die Zielgruppe im Internet surft, dann muss man sie halt dort abholen. Niedrigschwelliges Angebot, nennt man so etwas wohl. Wenn die Journalisten vor Ort sehen, dass die widerwärtige NPD mit ihrem Blättchen offenbar Menschen besser ansprechen kann, dann sollte man sich schon einmal selbstkritisch fragen: Was läuft eigentlich bei uns, bei mir falsch? Habe ich genügend Tiefe? Habe ich die richtige Ansprache? Was biete ich dem Leser, was er nur bei mir findet? Gebe ich dem Leser Orientierung, habe ich ein Meinung, ordne ich für ihn die Welt? Was machen die, was ich nicht mache? Wie gehen die mit ihren Lesern um? Sind sie vielleicht einfach näher dran?
Man könnte es auch einfach benchmark nennen.
Für eine gute Zeitung braucht man gute Leute. Die sich immer wieder selbst hinterfragen. Die nicht arrogant mit dem Leser umgehen. Die Fehler machen, aber aus ihnen lernen. Und sie dann nicht noch einmal machen. Natürlich ist es peinlich, wenn die NPD-Übernahme der Kreistagsausschüsse nicht am nächsten Tag im Blatt steht. Aber am übernächsten Tag, wenn ich es richtig gelesen habe, war sie drin. Es gab halt jemanden, der einen Tipp gab. Na und? Jetzt lassen wir die Kirche mal im Dorf. Die meisten Geschichten im Lokaljournalismus entstehen nach einem entsprechenden Tipp und entsprechender Recherche danach. Dass der Kollege nicht lange genug im Kreistag war, um die NPD-Übernahme selbst mitzubekommen: Das ist fatal. Es war ein Fehler. Jetzt wird sich zeigen, ob so etwas noch einmal passiert.
Insofern ist die Krise des Nordkuriers nur ein Symptom. Verschärft durch einen deutschen Landstrich, der ein wirtschaftliches und strukturelles Problem hat. Dafür haben andere Landstriche andere Probleme. Blühende Landschaften, wo gibt es die noch in diesen Zeiten?
Natürlich hat er Niggemeier Recht wenn er sagt, dass nur Qualitätsjournalismus eine Chance haben wird. Doch die Qualität muss jede Zeitung für sich selbst definieren, solange die Grundtugenden des Journalismus nicht angetastet werden. Und auch im Internet ist Qualität nicht gerade hinderlich.
Jeder einzelne Journalist muss sich schon mal fragen lassen: Ist das eigentlich Qualität, was Du Tag für Tag produzierst? Natürlich wirkt sich Personalmangel auf die Qualität aus. Aber er wird auch gerne mal als Pauschalentschuldigung für kollektives Wehklagen benutzt. Im Ernst: Andere Branchen machen es uns vor. Sie erfinden sich täglich neu, und sie erfinden fast im Wochenrhythmus neue Produkte. Und die Probleme, die wir jetzt im Journalismus haben, haben viele andere Unternehmen schon seit Jahren. Doch der Journalismus konnte es sich bisher leisten, nicht zu reagieren.
Der Nordkurier ist überall.
Herr Schumacher,
erstaunlich, dass Leute wie Sie, die eine ganze Redaktion in Münster in einem flotten Pilotprojekt mal eben austauschen können, hier schreiben, ihnen liege “etwas am Herzen”. Irgendwas passt da nicht zusammen.
Noch dies als Anregung zum Nachdenken: Sie selbst haben doch als Geschäftsführer mit Ihren wirtschaftlichen Entscheidungen die Realität gestaltet, an der Sie von vielen Menschen gemessen werden, unter anderem dem Redakteur der FAZ. Ihre Einlassungen wirken vor diesem Hintergrund befremdend bis nahezu larmoyant.
Ich glaube nicht, dass Sie, den oder die ich nicht mal kenne, auch nur ansatzweise beurteilen können, was mir am Herzen liegt.
@ Lutz Schumacher
“Neubrandenburg liegt übrigens nicht in Vorpommern, sondern in Mecklenburg, das ist natürlich pingelig, aber München liegt nun einmal auch nicht in Franken”
Danke, dass Sie darauf hingewiesen haben.
Zur Geografie: Tatsächlich gibt es hier eine Ungenauigkeit, die auch ich in meinen Artikel (mit der Wahl des Titels) übernommen habe.
Zu Vorpommern zählen (laut Wikipedia) 5 Landkreise sowie die kreisfreien Städte Stralsund und Greifswald. Neubrandenburg dagegen liegt außerhalb dieser Fläche und zählt damit zum Gebiet “Mecklenburgische Seenplatte”.
Das Verbreitungsgebiet des Nordkuriers deckt sich weder vollständig mit bestimmten Landkreisen (in ihren heutigen Grenzen) noch mit dem Gebiet “Vorpommern”. Vielmehr deckt es größere Teile von Vorpommern ab, dazu aber auch Teile der Mecklenburgischen Seenplatte und der Mecklenburgischen Schweiz.
Hallo,
die Kommentare hier finde ich fast spannender als den eigentlichen FAZ-Artikel. Danke, Herr Schumacher, dass auch Sie sich zu Wort gemeldet haben.
Ich selbst war einige Zeit in einer Lokalredaktion im sächsischen Grimma aktiv. Diese Zeit hat mir sehr gut gefallen. Ich habe es geliebt, raus auf die Straße zu gehen, Umfragen zu machen, Themen zu suchen und zu recherchieren. Es ist, denke ich, von Vorteil, wenn man aus der Gegend kommt. Ein Journalist, der aus einer anderen Stadt, vielleicht sogar aus einem anderen Bundesland stammt, hat es schwer, die Strömungen, die Stimmung vor Ort wahrzunehmen und darin einzutauchen.
Es ist richtig, wenn hier geschrieben wird, dass gerade im Lokalen vieles über Hinweise von aufmerksamen Bürgern oder Menschen, denen etwas unter den Nägeln brennt, ins Rollen kommt. Die haben heute aber auch das Internet zur Verfügung, um ihre Meinung, ihr Anliegen kund zu tun. Sie sind nicht mehr nur auf die Zeitung als Sprachrohr angewiesen. Umso mehr müssen die Journalisten der Bevölkerung das Gefühl geben, wirklich vor Ort zu sein, Präsenz zeigen, Leute zum Gespräch und Meinungsaustausch anregen und einladen. Die Vision von Herrn Schumacher, dass Journalisten mit Laptops ausrücken, finde ich da nicht verkehrt. Bei mir war es noch ein einfacher Block, auf dem ich meine Notizen angefertigt habe, aus denen später am PC der Artikel entstand. Mit Laptop und zentralem Redaktionssystem wird es sicher schneller und effizienter gehen. Wichtig ist und bleibt aber, sich auf die Menschen in der Region einzulassen, ihnen zuzuhören und sie über die Zeitung miteinander in einen regen Austausch zu bringen.
Viele Grüße von einem Leipziger, der zurzeit in München lebt und arbeitet.
@Konstantin Schaefer: Ihren Hinweis finde ich sehr wichtig. Meine Einlassung, dass Lokalredaktionen oftmals den Kontakt zu den Lesern verloren haben, ist eigentlich weniger ein Vorwurf an die Redakteure, sondern eher an die Organisation. Jahrelang wurden die Journalisten zu eierlegenden Wollmilchsaeuen gemacht, die mit vielfältigen Aufgaben, wie Planung, Layout, Organisation, Geschäftsstellenfunktionen und und und zugeschüttet wurden. Wenn Redakteure heute kaum noch wirklich rausgehen, im Sinne tatsächlicher Kontaktaunahme (also nicht gemeint das Hetzen von Termin zu Termin), dann müssen wir das dringend ändern. Unser Ansatz bei der Reorganisation ist, die Reporter von möglichst allen Aufgaben zu entlasten, die nicht wirklich journalistisch sind. In dem Zusammenhang sage ich immer, dass Redakteure teuer sind, was aber auch ein bißchen “wertvoll” heißen soll. Ein Bauunternehmen würde seine Ingenieure auch nicht für Maurerarbeiten einsetzen.
Zur “Qualität” meiner Aussage: Ich war (als Wessi) von 92 -03 u.a. GF der Altmark-Zeitung, einer echten Neugründung in SA . Leider inzwischen nahezu bedeutungslos.
M.E. könnte die “Zeitung der Zukunft ” am ehesten im Osten entstehen, weil aufgrund der dortigen sensiblen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen die Lesernähe/Nützlichkeit/Lebensrelevanz eine existenzielle Notwendigkeit ist.
Allerdings wird diese TZ nicht durch klassische, übliche “Westmethoden, -Strategien” erreicht werden und überhaupt nicht durch die Übertragung von bereits gescheiterten Westredakteurs-Ideen(-Wünschen) .
Eine Riesenchance für die TZ-Branche , sobald dieses die Westverlage verstehen und keine Media-Labs,o.ä mehr gründen, sondern den Osten als ihr TZ-Lab entdecken.