David Pachali | 13 Kommentar(e)
Mit seiner Vorliebe für Nicht-Sätze hat Frank-Walter Steinmeier bislang zu keiner überzeugenden politischen Sprache gefunden. Carta präsentiert die Top 10 seiner Nicht-Rhetorik.
28.07.2009 |
Der Mangel an politischen Perspektiven im diesjährigen Bundestagswahlkampf – er zeigt sich auch in der Wortwahl. Steinmeier tritt, so hören wir im Interview mit Bild am Sonntag, “nicht an, um Zweiter zu werden.”
Den Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Er ist das Eingeständnis seiner Niederlage, bevor sie noch über die Bühne gehen konnte. Sein Ziel, der Erste zu werden, formuliert er nur als doppelte Verneinung. Nicht einmal rhetorisch tritt er hier aus dem Schatten der Kanzlerin, die gar nicht erst genannt werden muss, so präsent ist sie als ungenannte Erste. Soll heißen: Ich werde Zweiter gewesen sein, ewiger Vizekanzler, auch wenn ich dafür nicht angetreten bin.
So lassen Steinmeiers Nicht-Sätze die politische Programmatik in einer unaufhebbaren Vorläufigkeit verpuffen, statt eine politische Alternative zu formulieren. Vielleicht schafft es Sigmar Gabriel mit dem Krümmel-Monster noch, einen Begriff zu besetzen. Jedenfalls gab es seit den Münteferingschen Heuschrecken keinen Beitrag der SPD zu einer politischen Sprache mehr. So problematisch die Metapher gewesen sein mochte, man muss feststellen: sie ist eingeschlagen und bis heute in der Diskussion.
Zu Steinmeier fällt einem aber tatsächlich fast schon nichts ein. “Steinmeier sucht die Tonart für die heiße Phase” vermeldet der Westen. Wenn Frank-Walter Steinmeier, etwa auf der aktuellen Mobilisierungskonferenz der SPD, Wechselstimmung erzeugen möchte, müsste er die Chance nutzen und eine andere Tonart anschlagen. Von “nicht” kommt nichts.
Damit klar ist, welche Sätze in der heißen Phase des Wahlkampfs nicht mehr fallen sollten, hier einmal eine Top 10 der Steinmeier’schen Nichtsätze:
- Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden.
- Eine Krise bekämpft man nicht mit Kaninchen.
- Politik ist keine Schönwetterveranstaltung.
- Ich habe nichts dagegen, für meine politischen Ansichten zu streiten.
- Politik ist keine Castingshow.
- Aufgabe der Politik kann es nicht sein, als Unternehmer aufzutreten und klassische Unternehmensrisiken zu übernehmen.
- Wenn man nicht weiß, wo man hin will, findet man nicht den Weg.
- Die Ideologie, die uns in diese Krise geführt hat, [darf] doch nicht die Antwort auf diese Krise sein.
- Ein Wahlkampf lebt nicht von einmaligen Auftritten und Ereignissen.
- Wie sollen wir die Schulden tragen und trotzdem Kitas und Schulen bezahlen? Mit Steuersenkungen jedenfalls nicht.
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Nachtrag: Gerne nehmen wir Hinweise auf weitere hinreißende Steinmeier-Nichtsätze auf und freuen uns auf Vorschläge für Nicht-Nichtsätze für den Kandidaten.



Ohne auf die verlinkten Zitate zu klicken (also frei von jedem Kontext) versuche ich mal zu übersetzen:
1. Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden. = Ich bin mir der aussichtslosen Lage der SPD durchaus bewusst, trete aber trotzdem an, weil sonst macht’s ja keiner.
2. Eine Krise bekämpft man nicht mit Kaninchen. = Mit Wattebällchen werfen, bringt uns hier nicht weiter = Banken/Autoindustrie so richtig zuscheissen mit Geld!!
3. Politik ist keine Schönwetterveranstaltung. = Gürtel enger schnallen!!1
4. Ich habe nichts dagegen, für meine politischen Ansichten zu streiten. = Wenn, und nur wenn, die Umfrageergebnisse schlecht aussehen, bin ich bereit, die Arbeit zu leisten, für die ich in mein Amt gewählt worden bin.
5. Politik ist keine Castingshow. = Ich mach für euch den Hampelmann auch ohne Dieter!
6. Aufgabe der Politik kann es nicht sein, als Unternehmer aufzutreten und klassische Unternehmensrisiken zu übernehmen. = Wir gehen unternehmerische Abenteuer ein, und wälzen die Risiken einfach auf den Steuerzahler ab.
7. Wenn man nicht weiß, wo man hin will, findet man nicht den Weg. = Wir wissen nicht wo wir hin wollen. Hauptsache wir gewinnen die Wahl!
8. Die Ideologie, die uns in diese Krise geführt hat, [darf] doch nicht die Antwort auf diese Krise sein. = Aus Fehlern sollte man klug werden. Wir machen trotzdem weiter wie bisher.
9. Ein Wahlkampf lebt nicht von einmaligen Auftritten und Ereignissen. = Nur penetrante Wiederholung des ewig Gleichen und zur Schau gestellte Beharrlichkeit hat letztlich Erfolg.
10. Wie sollen wir die Schulden tragen und trotzdem Kitas und Schulen bezahlen? Mit Steuersenkungen jedenfalls nicht. = Die SPD hat immer noch nicht gelernt, das man mit dem Eingestehen von Notwendigkeiten VOR der Wahl nicht Punkten kann = Der Ehrliche ist der Dumme (oder auch 3.)
Interessante Analyse. Macht Merkel es sprachlich besser? Mir ist zu Steinmeiers Krisen-Sätzen jedenfalls der sehr positiv formulierte Claim von Bündnis 90/Die Grünen eingefallen: “Aus der Krise hilft nur grün”.
@ Till: Das Problem mit Merkel scheint doch zu sein. Sie ist so ungefähr, dass man sie selbst auf Fehler schwer festnageln kann.
Wir arbeiten dran…
@ stoertebecker: merci.
Die SPD wird immer unglaubwürdiger…
@till: dass ein grünen-aktivist den claim von den grünen positiv findet, das ist jetzt wirklich mal originell…
@stoertebecker: Chapeau!
So formulieren eben Menschen, die niemandem auf den Fuß treten mögen, weil sie von allen gewählt werden wollen, obwohl sie schon kein Vertrauen in den Sieg mehr setzen.
[...] Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden – Steinmeiers Nicht-Rhetorik — CARTA So wird das nix mit dem Kanzler. (tags: Artikel) [...]
[...] Der Artikel über Steinmeiers Nicht-Wahlkampf war nicht auf SPON sondern auf carta.info [...]
@Marianne: es gab durchaus auch grüne Claims, die vielen Grünen nicht gefallen haben, z.B. “WUMS”. Insofern ist das nicht unbedingt originell, wenn ich hier, in einem Artikel über den Verneinungskandidaten das grüne “Aus der Krise hilft nur grün” als positives Gegenbeispiel nenne, passt aber zur Debatte. Oder? Wer’s etwas fundierter haben will, kann sich ja auch das taz-Interview gestern zur Wortwahl von DIE LINKE und Grünen anschauen.
Für die Bildung tun se alle nix
[...] Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden – Steinmeiers Nicht-Rhetorik [...]