Stephan Ruß-Mohl

Boston Globe: Wertlos, aber systemrelevant?

Stephan Ruß-Mohl | 6 Kommentar(e)

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Der Boston Globe ringt um die Zukunft, die Aasgeier lauern bereits im Gebüsch. Medienforscher sind neugierig, was passieren wird, wenn es im ersten großen Agglomerationsraum der USA keine große Tageszeitung mehr gibt.

29.06.2009 | 

Seitdem unsere Politiker mit Rettungspaketen und dreistelligen Milliardenbeträgen jonglieren, ist ihnen vermutlich – ähnlich wie zuvor den Investment-Bankern – jedweder Realitätssinn abhanden gekommen. Wir, das staunende Publikum, haben als „Normalmenschen“ jedenfalls weiterhin alle Mühe, uns Beträge überhaupt vorzustellen, die jenseits der Ausschüttungs-Summen eines Lotto-Jackpots liegen.

Dass es auch Medienexperten nicht viel anders geht, lehrt uns einmal mehr das Internet. Dort kursieren seit Tagen Schätzungen, welcher Preis sich denn mutmaßlich noch für eine große Tageszeitung erzielen lässt, die im Land eine tragende Rolle spielt: der Boston Globe, für den die New York Times Company vor wenigen Jahren noch stolze 1,1 Milliarden Dollar hingeblättert hat, steht zum Verkauf – und die Finanzanalysten streiten sich, ob das Zeitungs-Flaggschiff des amerikanischen Nordostens noch zumindest 100 Millionen Dollar wert sein könnte, oder ob es gar zu einem symbolischen Betrag von nur einem Dollar über den Tisch gehen könnte. Das 137 Jahre alte Blatt betreibt eine der meistgenutzten Nachrichtenwebsites, und es versorgt eine reiche, vom Bildungsbürgertum geprägte Region, zu deren Leuchttürmen die Harvard University ebenso wie das MIT gehören, mit Nachrichten. Trotzdem geht es der Zeitung so schlecht, dass das Management mit den Gewerkschaften zäh um Gehaltskürzungen von 25 Prozent ringt. Ein Ende der Krise ist nicht absehbar: Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers hat soeben prognostiziert, die amerikanischen Zeitungen müssten sich darauf einrichten, dass sie in den nächsten drei Jahren noch einmal ein knappes Drittel ihrer Werbeeinkünfte verlieren würden.

Derweil lauern bereits die Aasgeier im Gebüsch. Zu ihnen zählen auch manche Medienforscher. Sie sind neugierig, was passieren wird, wenn es im ersten großen Agglomerationsraum der USA keine große Tageszeitung mehr gibt. Es wird dann jedenfalls eine wichtige Instanz fehlen, die den spendierfreudigen und – wie wir in England gerade mit ansehen müssen – oftmals auch leicht korrumpierbaren Mächtigen auf die Finger sieht. Vermutlich ist das, was sich in Boston abspielt, auch für Europas Zukunft genauso „systemrelevant“ wie die Sanierung des Bankensektors.

Stephan Russ-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichische Wochenzeitung “Die Furche” und für Carta.


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6 Kommentare

  1. erz |  29.06.2009 | 14:43 | permalink  

    Was mir aus dem Artikel noch nicht ganz klar wird:
    Soll gewarnt werden vor dem Fehlen der “vierten Gewalt”, einer Kontrollinstanz für die Gesellschaft, wenn das Geschäftsmodell der Großverlage mit ihren Printredaktionen nicht mehr tragfähig wird? Wieso sind die Medienforscher in diesem Zusammenhang Aasgeier? Profitieren sie von der Krise oder sind sie nur Boten eines bevorstehenden Todes?

    Es stellt sich mir die Frage, welche Fragen der Artikel denn konkret stellen will, geschweige denn, welche er beantwortet. Vielleicht mag Herr Russ-Mohl die Vorzüge des interaktiven Mediums nutzen und in diesem spannenden und diskussionswürdigen Themenfeld meine Neugier ein wenig befriedigen?

  2. Stephan Russ-Mohl |  29.06.2009 | 15:41 | permalink  

    Tue ich doch gerne: In der Tat denke ich, dass uns etwas fehlen wird, wenn sich investigativer Journalismus, wie ihn realistischerweise nur grosse Redaktionen betreiben können, kaum mehr stattfindet, weil er sich nicht finanzieren lässt – und dass sich Korruption auch dann leichter ausbreiten wird, wenn niemand mehr fürchten muss, dass er von recherchierenden Profi-Journalisten an den Pranger gestellt wird…

    Die Medienforscher als Aasgeier: Zugegeben, die Metapher ist heftig – aber so wie der Geier auf den Tod seiner Beute wartet, so tun das im Blick auf die Tageszeitungen derzeit einige Forscherkollegen: Solange es den Boston Globe noch gibt, kann man nur spekulieren, was “danach” passieren wird. Gibt es ihn nicht mehr, kann man die dann sich neu formierende Medienlandschaft empirisch untersuchen…

  3. Romanoff |  29.06.2009 | 15:49 | permalink  

    “investigativer Journalismus, wie ihn realistischerweise nur grosse Redaktionen betreiben können”

    Ist das wirklich so?
    Oder ist es auch nur eine dieser verlorengehenden Gewissheiten?

  4. erz |  29.06.2009 | 16:27 | permalink  

    Ich bin ja nun qua meines beginnenden Engagements als selbstverantwortlicher Publizist ein starker Befürworter de “Bürgerjournalismus”. Deswegen kann ich die Unterstellung nicht teilen, dass nur grosse Redaktionen investigativen Journalismus betreiben könnten. Ich teile allerdings die Auffassung, dass redaktionelle Betreuung für mancherlei Qualitätsmanagement und vor allem thematische Sortierung eine Daseinsberechtigung hat.

    Wenn ich mich nun mit ein paar Freunden in der großen weiten Welt des online-Journalismus selbständig mache, haben wir natürlich auch noch keine Antworten auf den anstehenden Wandel der Medienlandschaft. Trotzdem sind wir sogar ohne Businessmodell überzeugt, dass wir einige Dinge leisten können, die Sie als Alleinstellungsmerkmal von “Profi-Journalisten” vermuten.

    Und wenn alle ambitionierten Autoren dank der vereinfachten Vernetzung des neuen Mediums auf den Wasserkopf eines Verlagshauses verzichten können und quasi-verlegerische Strukturen für sich nutzbar machen ist auch die Professionalisierung nicht weit. Womöglich steckt dank gesunkener Kosten sogar ein tragfähiges Geschäftsmodell im Online-Journalismus. Mal sehen, ob die Zukunft neben Reichweite auch gesellschaftliche Relevanz und finanzielle Wertschätzung bringt.

  5. rml |  29.06.2009 | 17:35 | permalink  

    @ russ-mohl:

    Hm, die Einstellung des Boston Globe als real-life-Experiment für die Unverzichtbarkeit des Journalismus — die Mitarbeiter der Zeitung werden nicht amüsiert sein, Teil eines Experiments zu sein.

    Journalismus ist systemrelevant, aber nicht jede Publikation und nicht die Distributionsform Tageszeitung.

    lg,

    robin

  6. Rainer Barg |  30.06.2009 | 22:32 | permalink  

    Das Fehlen der meisten Regionalzeitungen, die ich kenne, würde in Hinblick auf investigativen Journalismus nicht weiter auffallen. Nur weil ein Medium eine Zeitung ist, belegt das noch nicht ihren Anspruch oder ihre Qualität. Was für ein irrelevanter Informationsmatsch aus den Tiefen der Schützenvereine, was für seichte “Leute-Geschichten” oder was für fachlich völlig kenntnisfreie Kulturberichterstattung abgeliefert wird, ist das eine, da andere ist der oft völlig fehlende Blick auf konfliktpotentielle Themen in Politik und Gesellschaft. Der “Boston Globe” mag ein publizistischer Leuchtturm sein; die deutsche Durchschnitts-Regional- und vor allem Lokalpresse ist in der Regel höchstens das Schlusslicht und ganz sicher nicht systemrelevant. Was diese Blätter leisten, kann oft ohne Weiteres von ambitionierten Anzeigenblättern substituiert werden.

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