Stephan Ruß-Mohl

Qualitätsjournalismus: Hungerstreiks gegen die Marktgewalt

Stephan Ruß-Mohl | 2 Kommentar(e)


Warum führt die Krise des hochwertigen Journalismus eigentlich nicht zu Solidaritätsprotesten? Weil sich dieser Protest wohl zuallerst gegen uns selbst richten müsste.

31.05.2009 | 


In seinem jüngsten Buch entwirft der amerikanische Medienaktivist Robert McChesney ein kühnes Szenario: Er malt sich aus, die US-Regierung fordere in einem Edikt, „die internationale Berichterstattung drastisch zu reduzieren oder Lokalredaktionen zu schließen bzw. deren Mitarbeiterzahl und Budgets zusammenzustreichen“. Weiter ordne der Präsident an, „die Medien sollten sich mit Celebrities und Trivialitäten befassen, statt rigoros Skandale und Gesetzesbrüche im Weissen Haus zu recherchieren.“

Journalistik-Professoren und Kommunikationswissenschaftler wären im Hungerstreik, ganze Universitäten würden im Protest geschlossen, so fabuliert McChesney. „Tun dagegen monopolistisch-kommerzielle Interessen in etwa dasselbe und lassen unsere Gesellschaft kulturell verarmen, dann erregt das alles nur geringfügigen Protest…“

Die Polemik verdient es, gehört zu werden.

Aber sie richtet sich an den falschen Adressaten – und sie verrät letztlich, wie wenig McChesney von Ökonomie versteht. Unstrittig hat es in den „guten Zeiten“ dem Journalismus geschadet, dass viele Medienunternehmen rücksichtslos kommerzielle Interessen verfolgt haben. Mit dem Siegeszug des Internets haben diese „alten“ Medienhäuser indes ihre einträglichen Monopole am Werbemarkt verloren. Gerade weil mehr Wettbewerb herrscht, lässt sich Journalismus plötzlich immer schlechter finanzieren.

Der Hungerstreik findet wohl auch deshalb nicht statt, weil er sich gegen uns selbst richten müsste: Gegen jeden, der erstklassige journalistische Information „umsonst“ erwartet, ohne darüber nachzudenken, wer letztlich die Rechnung dafür bezahlen soll. Und natürlich auch gegen alle, die sich mit Fernbedienung oder Maus vom Anspruchsvollen zum Seichten klicken und dabei von ihrem staatsbürgerlichen „Recht auf rationale Ignoranz“ Gebrauch machen.

Immerhin: In der Schweiz sind kürzlich die ersten beiden Gratiszeitungen vom Markt verschwunden. Und im angelsächsischen Sprachraum hat ausgerechnet Rupert Murdoch, der mächtigste Medienmogul der Welt, avisiert, seine Online-Angebote künftig kostenpflichtig zu machen. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch unter den Internet-Gurus herumspricht, dass unabhängiger, wert-voller Journalismus auf Dauer nicht umsonst zu haben ist.

Stephan Russ-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichische Wochenzeitung “Die Furche” und für Carta.

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2 Kommentare

  1. Robin Meyer-Lucht |  31.05.2009 | 20:43 | permalink  

    Lieber Stephan Russ-Mohl,

    werbefinanzierter Journalismus ist nicht “umsonst”, wie wir Medienökonomen doch wissen.

    In der Tat wäre eine Umfrage interessant, wie viele Nutzer sich eigentlich derzeit im Netz im Qualitätsjournalismus unterversorgt fühlen.

    Ich denke aber auch, wir werden interessante Bezahlmodelle bekommen.

    lg,

    Robin

  2. Stephan Russ-Mohl |  29.06.2009 | 15:50 | permalink  

    Lieber Robin!

    Unter “uns Medienökonomen”: Wir, die User, zahlen jedenfalls nicht für den Content, wenn wir Online die New York Times oder die FAZ lesen. Und weil es alles wie “Manna vom Himmel” umsonst gibt, wäre es auch irgendwie komisch, wenn wir uns derzeit im Nezt unterversorgt fühlten. Schliesslich sind wir als Netizens free rider und lassen andere die Zeche zahlen…(die Werbetreibenden, die Leser und Leserinnen von Printprodukten, und übrigens auch die Carta-Autoren, die sich selbst ausbeuten, wenn sie ihre kostbaren Einsichten honorarfrei ins Netz stellen…).

    Nur wird dieses Modell absehbar schon bald nicht mehr funktionieren. Die Zahl der Leute nimmt zu, die sich – wie der Ex-Chefredakteur von Time, der kürzlich öffentlich bekannte, die New York Times abbestellt zu haben – fragen, warum sie für ein Printprodukt bezahlen sollen, wenn sie online alles gratis bekommen…Und wenn niemand mehr für Print-Content bezahlt, lässt sich zwar vielleicht noch Carta finanzieren, aber eben nicht das Online-Angebot von FAZ oder Süddeutscher Zeitung.

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