Oliver Geden | 1 Kommentar(e)
Können Verbraucher entscheidend zum Klimaschutz beitragen, etwa, indem sie Produkte mit niedrigem Energieverbrauch oder geringen Treibhausgasemissionen kaufen? Wohl kaum, denn es mangelt an Markttransparenz und konsequentem Konsumverhalten. Die strukturellen Grundlagen unseres Energiesystems werden sich nur durch politische Entscheidungen zielgerichtet verändern lassen.
31.05.2009 |
Vom 1.-12. Juni findet in Bonn die nächste Verhandlungsrunde für ein neues internationales Klimaabkommen statt, das Ende des Jahres in Kopenhagen verabschiedet werden soll. Die Verhandlungen kommen nur schleppend voran, eine Einigung bis/in Kopenhagen ist nicht sehr wahrscheinlich. Wenn aber die Politik es nicht schafft, den Klimawandel aufzuhalten, wer dann? Eine beliebte Antwort lautet: Der Verbraucher. Aber das ist eine trügerische Hoffnung.
Wenn der Konsument es richten soll, dann bräuchte er zunächst einmal vollkommene Markttransparenz, nur dann könnte er eine informierte Entscheidung treffen. Diese Transparenz ist aber nur schwer herzustellen. Am unkompliziertesten ist es noch, Daten über den Energieverbrauch eines Geräts zu erhalten. Für Waschmaschinen oder Autos lässt sich in standardisierten Verfahren relativ leicht feststellen, wie hoch der durchschnittliche Energieverbrauch ausfällt. Dies lässt sich in exakten Zahlen ausdrücken oder über die Zuordnung zu Effizienzklassen – wie bei den klassischen Energieverbrauchs-Labeln üblich.
Diese Angaben gelten jedoch nur für die Nutzung des Geräts, nicht für die bei der Herstellung verbrauchte Energie. Noch schwerer ist es, korrekte Daten für die korrespondieren Treibhausgas-Emissionen zu ermitteln. Zu diesem Zweck würde man nicht nur die Energieverbrauchsdaten für die gesamten Produktions- und Transportketten benötigen, sondern auch Informationen darüber, wie hoch der spezifische CO2-Ausstoß der bei Produktion- und Transport jeweils eingesetzten Energie ist. Ein schier unmögliches Unterfangen, jedenfalls, wenn man eine Umsetzung für alle in einem Supermarkt erhältlichen Produkte anstreben würde. Entsprechende Untersuchungen existieren bislang nur für einzelne Produkte und Energieträger, etwa in Form eines “Life Cycle Assessments” oder eines “Product Carbon Footprint”.
Doch selbst für den recht hypothetischen Fall, dass für die 1000 wichtigsten Produkte alle Bilanzierungsfragen restlos geklärt wären, ist es doch mehr als unrealistisch anzunehmen, “der Verbraucher” würde sein Konsumverhalten halbwegs konsequent danach ausrichten. Hier liegt die Crux des Labelling-Ansatzes. Selbst wenn der Konsument über alle Informationen verfügt, wird er dann “informiert” handeln? Wird sein Handeln der gleichen Rationalität folgen, die der Konstruktion von Energieverbrauchs- oder Emissionslabeln zugrunde liegt? In der Mehrheit sicherlich nicht. Der Schritt von umweltbewusstem Denken zu umweltbewusstem Handeln gehen in der Regel nur die bildungsnahen Milieus einigermaßen konsequent, wie inzwischen auch eine Studie des Umweltbundsamts erkennen musste. Außerdem ist unrealistisch zu glauben, Individuen könnten ihren Alltag konsequent anhand einer politischen Leitidee organisieren.
Selbstverständlich müssen die Volkswirtschaften der Industrieländer energieeffizienter werden, wenn die Transformation zu “low carbon economies” erfolgreich sein soll. Aber diese Aufgabe kann nicht auf den Verbraucher abgewälzt werden. Dies ist eine Frage der effektiven politischen Regulierung. Die Konsumenten haben nicht entschieden, wie in Europa oder Nordamerika Energie produziert und transportiert wird. Sie treffen ihre Entscheidungen innerhalb vorgegebener systemischer Strukturen, auf deren zielgerichtete Veränderung ihr Kaufverhalten kaum einen Einfluss hat. Die Europäische Union – die derzeit entscheidende Instanz bei der Umgestaltung unseres Energiesystems – sollte sich deshalb weniger mit Fragen der Energieverbrauchskennzeichnung beschäftigen, über die inzwischen ein heftiger politischer Streit ausgebrochen ist. Die EU sollte sich besser darauf konzentrieren, die Effizienzstandards für Produkte kontinuierlich zu erhöhen und den Mitgliedstaaten verbindliche Einsparziele vorzugeben.


Super Thema, das mal vorne weg.
Die ganzen (Umwelt-)Kosten/Schäden auf dem Weg ins Regal sind nur wirkungsvoll, wenn sie eingepreist wären. Dies wäre aber wirklich sehr aufwendig, bräuchte ein ziemliches Kontrollorgan. Kontrolle ist zwar trendig, aber wenn wir jede Banane so umfangreich beschatten wollen, wie einen Terrorcamptouristen, dürfte es personelle, technische und finanzielle Engpässe geben.
Aber was möglich wäre, wäre eine Gesamtpreisangabe als Lebenszykluskosten bei Geräten. Links die Summe der Waschmaschine (Kaufpreis) und zu ihrer Rechten, die Angabe der Lebenszykluskosten (inklusive Kaufpreis) für 10 Jahre. Dies wäre absolut vergleichbar, ohne weiteres machbar und würde direkt an den Geldsäckel appelieren, den wohl wundesten Punkt. Diesen Punkt ökologisch zu nutzen, ohne gleich einen globalen Überwachungsstaat deluxe zu schaffen, fände ich sinnig.
Den Einfluss auf die Produktion zu verändern, wie es aktuell geschieht und hier richtig kritisiert wird, ist absurd. Dahinter stehen deutlich komplexer Themen der globalen Wirtschaft-, Sozial- und Umweltpolitik, im merkischen Sinne: “Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden.” Ich stimme ihr zu und es hört sich besser an, als keinen Plan zu haben und lieber die nächste Bonsai-Liane mitzunehmen. Die ganze Welt ist gewordene Tagespolitik.